Das Blumenmädchen

 

Bereits 2012 schrieb ich „Das Blumenmädchen“. Seit dem lag es, zusammen mit anderen Märchen, in der Schublade, um irgendwann in einem, meinem Märchenbuch veröffentlicht zu werden. Doch nun erhielt ich den Impuls, es loszulassen, so dass es seine Leser finden kann. Es ist wie mit geliebten Kindern. Auch die muss man eines Tages frei geben. Ich wünsche Euch viel Freude beim Lesen.

 

DAS BLUMENMÄDCHEN – ein Märchen von Kordula Ullmann

Es war einmal ein Blumenmädchen Namens Rosalie, das lebte in einem kleinen Häuschen inmitten eines großen Gartens. In dem Garten wuchsen wunderschöne Blumen in allen Farben, die sich wohl nur die Natur ausdenken kann. Jeden Morgen ging Rosalie in den Garten, begrüßte die Blumen, wählte einige von ihnen aus und band sie zu prächtigen Sträußen. Diese brachte sie auf den Markt. Es dauerte nicht lange und sie hatte alle Sträuße verkauft. Von dem Erlös konnte sie bescheiden, aber gut leben. Eines Tages, mitten im Sommer, in der schönsten Blumenzeit, zog ein schweres Unwetter über das Land. Regen und Sturm verwüsteten den Garten. Sie rissen die Blätter der Rosenblüten aus, knickten die Stängel der Sonnenblumen, spülten Wurzeln aus der Erde und bedeckten alle Blumen mit Schlamm. Der ehemals farbenprächtige Garten sah braun und trostlos aus. Rosalie war verzweifelt und weinte sieben Tage und sieben Nächte lang dicke Tränen. Nicht nur, dass ihr die Blumen fehlten, sie wusste auch nicht, wie sie weiter leben, wovon sie sich ernähren sollte. Sie hatte zwar ein paar Ersparnisse, aber die würden nicht lange reichen. Das Leben schien nicht mehr lebenswert. Ihre Angst lähmte sie, dass sie nicht im Stande war irgendetwas zu tun. Als ihr das bewusst wurde, erschrak sie sehr. Das war nicht mehr sie, die lebensfrohe Rosalie! Sie wollte aus dieser Lähmung heraus, nur wusste sie nicht wie.
Da hörte sie von einem Zauberer, der im Nachbarort leben sollte. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde den Zauberer um Hilfe bitten. Am nächsten Tag machte sie sich in aller Frühe auf den Weg. Sie musste einige Stunden laufen. Zur Mittagszeit erreichte sie endlich das Haus des Zauberers. Er saß auf einer Bank neben dem Eingang und erwartete sie bereits. Er war sehr groß und hager mit grauen Haaren und einem Gesicht, in welches das Leben seine Zeilen geschrieben hatte. Als Rosalie ihn begrüßte und sich vorstellte, wurden seine Gesichtszüge ganz weich und seine Augen leuchteten wie Aquamarine. Sie wollte ihm erzählen warum sie zu ihm gekommen war, doch er wusste bereits alles, denn er war ja ein Zauberer. Er nahm Rosalies Hand und führte sie einen Weg zwischen hohen Sträuchern hindurch. An einer Biegung wurde der Weg so schmal, dass sie hinter ihm gehen musste. Nachdem sie einige Zeit unterwegs waren, trat der Zauberer bei Seite, und vor ihnen tat sich eine Lichtung auf. Eine Wiese, so groß wie ein Marktplatz, war mit bunten Blumen übersät. Im Sonnenlicht tanzten Schmetterlinge und Libellen. An einer Wasserstelle lagen Rehe mit großen, schwarzen Knopfaugen und eine Hasenfamilie spielte ausgelassen vor ihrem Bau. In der Mitte der Lichtung stand ein riesiger Baum in dem die verschiedensten Vögel wohnten. Alles strahlte Frieden und Lebensfreude aus. Der Zauberer nahm Rosalie wieder an der Hand und führte sie zum Baum: „Liebe Rosalie, dies ist ein besonderer Baum. In seinen Wurzeln ist alles Wissen des Lebens gespeichert. Lege dich unter seine Krone und schließe die Augen.“ Rosalie fand den Gedanken, unter diesem großen, starken Baum zu liegen, sehr angenehm und suchte sich eine von Moos gepolsterte Stelle aus. Hier lag sie wie in einem weichen Bett und als sie die Augen geschlossen hatte, verlor ihr Körper jegliche Schwere. Auch ihre bedrückenden Gedanken verloren an Gewicht und schwebten auf einem Lichtstrahl davon. Bald konnte sie nicht mehr unterscheiden, ob sie wachte oder träumte. Sie sah sich in ihrem Garten stehen und überall brachen frischgrüne Keime durch die Erde. Sie konnte zuschauen, wie es um sie herum grünte und zu blühen begann. Sie lief durch ihren Garten und überall reckten sich ihr Blütenkelche entgegen und verzauberten sie mit ihrem Duft. Schmetterlinge gaukelten vor ihrer Nase herum und dicke Hummeln flogen von Blüte zu Blüte. Ein Schmetterling setzte sich auf ihre linke Schulter und rüttelte sie sanft: „Rosalie, aufwachen.“ Vorsichtig öffnete sie ihre Augen einen kleinen Spalt und schaute in das freundliche Gesicht des Zauberers. Sie musste eingeschlafen sein. Jedenfalls fühlte sie sich frisch und munter. Und sie empfand eine Kraft in sich, die sie noch nie so wahrgenommen hatte. Rosalie war es wohl unter dem Baum auf der Lichtung, doch Irgendetwas in ihr drängte sie nach Hause. Eine innere Stimme sagte ihr, dass alles gut werden würde. Wieso war sie nur vorher so niedergeschlagen? Sie hatte doch alles, was sie brauchte. Sie war gesund, hatte ihr Häuschen, fruchtbare Erde und alles Andere würde schon werden.
Der Zauberer lächelte und gebot ihr, aufzustehen, die Augen zu schließen und erst wieder zu öffnen, wenn sie Vogelgezwitscher hören würde. Sie tat wie ihr geheißen. Der Zauberer berührte ihre Stirn und sagte: „Der große Geist dieses Baumes sei mit dir. Lebe wohl Rosalie.“ Für einen Moment wurde es ganz ruhig, dann hörte sie Vogelgezwitscher. Sie öffnete die Augen und konnte es kaum glauben. Sie stand in ihrem Garten. Voller Freude nahm Rosalie einen Spaten und fing an umzugraben. Da kamen Wildschweine aus dem nahe gelegenen Wald und halfen ihr die Erde zu lockern. Kaum waren diese fertig, setzte sich ein Schwarm Nebelkrähen auf die Krume und scharrte die Erde der Beete glatt. Rosalie bedankte sich bei den Tieren für die Hilfe und überlegte wo sie nun Sämereien herbekommen könne. Da kamen aus allen Himmelsrichtungen Vögel geflogen. Jeder hatte ein bis zwei Samen im Schnabel, die er in die Erde pickte. Der Wind wollte nicht nachstehen und legte noch einige dazu. Rosalie fühlte sich glücklich und sang ein Dankeslied. Da fiel ein leichter Nieselregen. Die Sonne sendete dazu ihre wärmenden Strahlen in den Garten. Es dauerte nicht lange und zartgrüne Spitzen schauten aus der Erde. Diese wuchsen zu prächtigen Blumen mit Blüten von ungeahnter Schönheit. In der Mitte des Gartens wurde eine Blume höher als die anderen. Bald konnte Rosalie sehen, dass dies keine Blume war. Dort wuchs ein Baum, genau wie auf der Wiese des Zauberers.
Nun sah man Rosalie wieder jeden Tag mit den wundervollsten Blumensträußen auf dem Markt stehen. Und jeder, der Rosalie sah, kaufte einen Strauß, schon wegen ihres Lächelns und natürlich wegen der wunderschönen Blumen. Wer solch einen Strauß trug, fühlte Ruhe und Frieden in sich und nahm diese mit in sein Haus oder zu den Lieben, denen er diesen Strauß schenkte.
Rosalie lebte glücklich und zufrieden bis ihre Zeit vorüber war. Man erzählt, sie hätte sich unter den großen Baum in ihrem Garten gelegt und wäre dann nie mehr gesehen worden. Der Baum aber, trug von da an immer eine Rosenblüte.

Er empfindet!

Schönheit am Wegrand

 

Heute war ich wieder bei Frank und wurde zutiefst berührt und erschüttert.
Dieses Mal lag er mit dem Gesicht der Tür zugewandt. Die Sonne schien in sein Gesicht und ließ das Blau seiner starr geradeaus blickenden Augen durchsichtig erscheinen. Doch einen Blick in seine Seele gaben sie nicht frei. Oder konnte ich es nur nicht sehen? Ich begrüßte ihn. Seine Augen blickten ins Leere.

Ich hatte gelesen, dass Menschen im Wachkoma auf Tiere reagieren und Pferde für Therapiezwecke eingesetzt werden. Ein Pferd hierher mitzunehmen, wäre sicher etwas schwierig, aber ich habe einen kleinen, sehr lieben Hund Arno, und der war heute mit. Ich hob ihn hoch, in die Nähe von Franks Gesicht. Frank reagierte. Sein Mund versuchte Worte zu formen. Sie blieben tonlos, aber er bemühte sich immer wieder – und da – eine kaum zu bemerkende Bewegung seiner Augen zu Arno hin. Mein Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer. Welches Gewicht doch Kleinigkeiten manchmal haben und vor allem, wie viel Freude und Hoffnung sie geben können!

Dann las ich Frank eines meiner Märchen vor, in dem ich über Metaphern aus der Pflanzenwelt von zwei Liebenden erzähle. Es geht um Trennung, alleine sein, Wachstum und wieder finden. Er muss diesen Inhalt verstanden haben, den er reagierte unterschiedlich auf verschiedene Textstellen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und dieses Mal versiegten diese nicht. Sie übertraten die Schwellen und liefen ins Freie.

Als Nächstes hatte ich Texte aus Paulo Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ ausgewählt.
Ich las: „Ein Krieger des Lichts bekommt im Leben immer eine zweite Chance. Wie alle anderen Menschen auch, weiß ein Krieger am Anfang seines Lebens nicht, wohin sein Weg ihn führen wird. Oftmals hat er den falschen Weg eingeschlagen, ehe er herausfindet, welches der Traum ist, den er in seinem Leben verwirklichen muss….“

Ich traute meinen Augen kaum. Der im Wachkoma vor mir liegende Mensch, von dem ich nicht wusste, was er wahrnimmt, ob er etwas empfindet, war völlig aufgewühlt. Er hob den Kopf, einem tiefen Atemzug folgte ein leises Stöhnen, die Lippen formten tonlose Worte und er weinte, seine ganze Mimik weinte. Die Tränen flossen über seine Wangen und tropften auf Hände, die sie nicht abwischen konnte. Jetzt wusste ich, Frank konnte verstehen, fühlen. Welcher Schmerz musste in diesem Körper gefangen sein! Er konnte ihn nicht hinausschreien, sich niemandem mitteilen. Auch meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich mag gar nicht daran denken, wie es sich wohl anfühlt, wenn man plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wird, weg von Familie und Freunden.
Ich habe selbst erfahren, wie schnell sich eine Lebenssituation ändern kann, als mein Mann starb. Keiner weiß, wie lange er sich bei guter Gesundheit des Lebens erfreuen kann. Wie oft gehen wir achtlos mit unserer Lebenszeit um, verschieben Dinge, die wir gerne tun würden auf später, jagen der Kariere hinterher und vergessen darüber die Familie, sagen einem Menschen nicht, was er uns bedeutet, erfreuen uns nicht an Blüten am Wegrand, …!

Frank kann nicht sprechen, aber er kann uns so viel lehren, uns wach rütteln.

 

Zum besseren Verständnis kannst Du den vorhergehenden Beitrag „Wie ein Wachkomapatient mir half, mich zu erinnern“ lesen.
Auf das angekündigte Interview mit Franks Frau Karin gedulde Dich bitte noch ein wenig. Es erfordert Kraft über Schmerzliches zu reden, und so ist es ihre Entscheidung, wann sie bereit ist, das zu tun.

Hinweis: Die Namen wurden geändert.

Buchempfehlung: Paulo Coelho, „Handbuch des Kriegers des Lichts“, Diogenes Verlag