Life keeps rolling on – Das Leben rollt weiter

1-Christiane vor Hügeln

Ich kenne sie schon lange. Ende der 80iger und in den 90igern tanzte sie in meiner Dance Company, dann gingen unsere Lebenswege in unterschiedliche Richtungen. Vor einiger Zeit entdeckte ich sie zufällig bei Facebook. Die Fotos zeigten sie im Rollstuhl sitzend. Was war in der Zwischenzeit passiert? Ich recherchierte und fand Schockierendes, Erstaunliches, Berührendes und Beeindruckendes. Nach einer ersten Kontaktaufnahme verabredeten wir uns auf ein Interview via Skype.
Und hier ist es nun, das Interview mit Christiane Göldner, Geschäftsführerin und Inhaberin von Campo Phoenix auf Lanzarote.

Du hast eine eigene Firma auf Lanzarote. Was ist das für eine Firma?

1-Geschäft Meine Firma heißt Campo Ph0enix mit Sitz in Yaiza, Lanzarote auf den Kanarischen Inseln. Wir bieten geführte Touren mit speziellen Fahrzeugen für Einheimische, für Touristen, für jeden, der Lust hat, sich die Insel auf sportliche und besondere Weise anzuschauen. Unterwegs gibt es außer der Einzigartigkeit der Landschaft, viele Informationen über Historie und Kultur. Weiterhin haben wir Angebote für Menschen mit körperlicher Behinderung. Das sind zum einen Handbikes, die wir vermieten und dann die MiAmigos von Franz Nietlispach, einem 14-fachen Paralympics-Sieger aus der Schweiz. Der MiAmigo ist ein kleines Zuggerät, das sich einfach am Rollstuhl befestigen lässt. Somit können sich Rollstuhlfahrer freier bewegen und mehr unternehmen. Ich bin sehr stolz, dass wir diese Möglichkeit bieten. Weiterhin bringe ich meine Kenntnisse als Grafikdesignerin ein. Ich designe Textilien, passend zu unseren Touren. Diese bieten wir in einer guten Qualität unserer eigenen Fair Trade Marke an.

Wie lange gibt es die Firma schon und hast Du sie mit jemanden zusammen oder alleine gegründet?

Campo Phoenix existiert seit ca. 1 1/2 Jahren. Ich habe das Unternehmen zusammen mit meinem Mann aufgebaut. Alleine wäre das für mich gar nicht möglich gewesen. Er fährt die Touren und ist ein hervorragender Tourenguide und Partner in allen Lebenslagen. Ich arbeite im Hintergrund, mache Kundengespräche, Akquise, Verträge, designe, halte den Laden in Ordnung, etc. – alles was drumherum gebraucht wird, damit das Geschäft läuft.
Irgendwann werden wir sicher auch noch Leute einstellen, aber momentan müssen wir unser junges Unternehmen erst einmal selbst stabilisieren. Ich dachte, dass die Idee leichter umzusetzen wäre, aber wahrscheinlich ist es sogar gut, wenn man anfangs nicht weiß, was da alles auf einen zukommt. Auf jeden Fall lernt man viel, und diese Erfahrungen sind bei anstehenden Entscheidungen sehr wertvoll.

Wie lange bist Du schon mit Deinem Mann zusammen und habt ihr Kinder?

1-schwangerWir sind seit neun Jahren zusammen, aber nicht verheiratet. Ich sage nur „mein Mann“, weil er das ja im Prinzip ist. Wir haben zusammen zwei Kinder, und ich denke, dass es auch ohne Ehering ganz gut funktioniert. Die Kinder sind beide in meiner Rollstuhlzeit geboren. Leute fragen mich oft, wie geht das? Kann man als gelähmte Frau gesunde Kinder bekommen und überhaupt Kinder bekommen? Da kann ich immer nur sagen, es geht, und man kann auch als querschnittsgelähmte Frau guten Sex haben. Das geht auch. Die beiden Jungs kamen ohne Probleme auf die Welt, ohne Einleitung oder sonst was. Darauf bin ich sehr stolz. Die Schwangerschaft mit meinem Jüngsten, war hier auf der Insel schon ein Highlight. Es ist natürlich krass, wenn ‘ne Rollstuhlfahrerin mit ‘nem dicken Bauch durch die Gegend rollert. Dann denken die Leute, was ist denn mit der passiert? Ich bin stolz das ich dass geschafft und zwei gesunde Kinder habe.

Waren die Kinder geplant oder ist es einfach passiert?

Beide Kinder waren nicht geplant aber gewünscht. Ich war mit Christian drei Monate zusammen, da ist der Moritz schon entstanden. Und auch Leo war herzlich willkommen. Mehr Kinder möchte ich aber nicht. Das schaffe ich körperlich nicht nochmal. Ich werde ja leider nicht jünger. Es bleibt einfach zu wenig Zeit für Schlaf. Zwei Jungs reichen.

Wie lange seid Ihr schon auf Lanzarote?

Wir sind vor ca. sechs Jahren hierher gekommen.

Lass uns etwas weiter zurück gehen. Ich kenne Dich ja noch als herumspringendes, junges Mädchen. Jetzt bist Du querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl. Was war passiert?

Das Schicksal hat es gut und schlecht mit mir gemeint. Eigentlich mehr gut als schlecht. Ich bin in Berlin beim Klettern abgestürzt und dabei so ungünstig aufgeprallt, dass die Energie, die sich ja irgendwo entladen musste, das am 10. Brustwirbel tat. Also ich bin im Prinzip gestorben. (Es ist eine Weile ruhig.) Ja, der Tag hat mein Leben verändert. Aber ich sage es mal so, ich habe viel, viel Gutes bekommen. Ich war vorher rastlos, immer auf der Suche, wo meine Aufgabe ist. Dieser Tag hat mir zu denken gegeben – nicht mehr einfach so zu leben. Ich habe meine Wertevorstellungen komplett überdacht und geändert. Oberflächliches hatte da keinen Platz mehr. Du kannst Schätze finden, bei Menschen, bei denen Du das nie erwarten würdest. In jedem steckt irgendwo etwas Gutes.

Wie lange liegt das zurück und wie hast Du das gemeint, Du bist gestorben?

Die Christiane, die es vorher gab, die gab es nicht mehr. Ich habe auch jetzt immer noch das Gefühl, dass ich mit 28 gestorben bin, also ich bin weg. Und auch physisch, mein Herz wollte nicht mehr. Die Ärzte haben mich zurückgeholt. Ich glaube, ich habe zwei Mal die Chance bekommen auf dieser Welt zu bleiben. Mein Zeitempfinden hat sich seit dem geändert, das gibt es eigentlich nicht mehr. Zeit ist mir völlig egal. Mich hat vor ein paar Tagen jemand gefragt, wie alt ich bin. Ich musste eine Weile überlegen. Es ist nicht wichtig. Es spielt keine Rolle. Es ist ein Geschenk, dass man lebt, da ist.

Kannst Du nochmal etwas zu der gestorbenen Christiane sagen?

Na ja, wenn Du gesund bist, kannst Du ganz andere Dinge erleben. Das war eben in dem Moment für mich nicht mehr möglich.  Die Christiane, mit all Ihren Möglichkeiten in einem gesunden Körper, konnte es nicht mehr geben. Wenn Du nicht mehr laufen kannst, bekommst Du jeden Tag Grenzen aufgezeigt. 1-1-Scan0054 Jeden Tag hast Du Barrieren, die Du erst mal begreifen musst. Und Du musst lernen, damit umzugehen. Ich sag mal so, man muss sich halt andere Ziele setzen, anders denken. Das macht man automatisch, wenn man den Willen hat, weiter zu leben. Dann sucht man sich halt andere Möglichkeiten. Ich habe vor dem Unfall immer viel trainiert, viel getanzt. In jungen Jahren habe ich so viel erlebt, dass ich mir dachte, du hattest das alles, das war ein Geschenk und das war gut so. Natürlich fehlt mir das teilweise. Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, dass es nicht so ist. Aber es ist so, dass ich weiß, ich war da. Ich habe getanzt und auf der Bühne gestanden, und ich habe selbst andere Menschen trainiert. Das war ein großer Teil meines Lebens. Die Zeit, die ich hatte, war toll, das war in Ordnung. Jetzt geht es weiter mit einer neuen Aufgabe, Punkt. Wenn ich mein Herzblut würde austropfen lassen, das wäre nicht gut, das macht depressiv. Die Zeit mit Tanz und Sport hat mich so geprägt, dass ich mir dachte, es geht weiter – auf eine andere Art und Weise. Auch im Krankenhaus gab es viele Anreize, viele Leute, die ich kennenlernte, die mir Kraft und Mut gaben. Es gibt so viel anderes, das du machen kannst. Und im Endeffekt war ich dann hier in Yaiza Trainerin für Yoga-Pilates im Rollstuhl.

Du hattest vorhin gesagt, dass Dein Herz nicht mehr wollte, dass man Dich zurückgeholt hat. Wie lange hat es gedauert, bis Du wieder leben wolltest? Wie konntest Du Dich mit der Situation engagieren?

Ich glaube, so eine Phase, nicht mehr zu wollen, die hatte ich gar nicht. Es gab nur einen Tag – als ich nach der OP aufwachte, meine Mutter bei mir war und ich ihr sagte: „Mutti, ich möchte so nicht leben, das bin ich nicht.“ Dann bin ich wieder eingeschlafen. Das war glaube das einzige Mal, dass ich so verzweifelt war.
Einen Rückschlag gab es dann doch noch, nach der Reha. Ich hatte zu viel gemacht und meine Schrauben im Rücken sind gebrochen. Da habe ich das gleiche nochmal durchleben müssen. Ich habe mir gedacht, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch alles sinnlos. Da wollte ich nicht mehr, und am Tag der OP dachte ich, wenn ich jetzt nicht mehr aufwache, ist es ok. Aber ich bin aufgewacht und dann ging’s weiter.
Also ich habe nie aufgegeben, habe mich nie gehen lassen. Es kam auch nie richtig hoch. Ich hatte das Geschehene verdrängt, weil ich wusste, das ist zu viel Schmerz. Wenn der hochkommen würde, könnte ich ihn nicht bewältigen. Also habe ich das verdrängt. Und die Strategie ist manchmal ganz gut. Bis jetzt hat es funktioniert und mich in meinem Leben nur nach vorne gebracht.

Kann es sein, dass Du doch ab und zu ein Stück aus Deiner Verdrängung gegangen bist und etwas aufgearbeitet hast, mit Hilfe Deiner positiven Einstellung zum Leben?

Ja sicher. Ich hatte in der Reha einen guten Physiotherapeuten, der mich mit immer wieder neuen Aufgaben sehr beschäftigt hat, so dass ich mich physisch stabilisiert habe. Du brauchst natürlich lange, lange Zeit um überhaupt zu begreifen, was da passiert ist. Und natürlich gab es auch heimliche Tränen!!! Ich denke, dass das Tanzen, der Sport, Schwimmen, Laufen mein ganzen Leben geprägt und mir viel Kraft gegeben hat. Auch die Situation vor dem Unfall – ich war ja vorher in Russland und habe da ziemliche Extreme erlebt. Du wächst an solchen Aufgaben. Da ich ein Typ bin, der immer nach Lösungen sucht, hat mich diese Einstellung natürlich auch weiter vorangetrieben.

Wie lange liegt der Unfall zurück?

Das sind jetzt 10 Jahre. Ich sitze ja schon sooo lange im Rollstuhl.

Deinen Mann hast Du also erst nach dem Unfall kennengelernt?

Ja, ich lebte zur Zeit des Unfalls in einer WG, in einer Dachgeschosswohnung, also mit ganz vielen Stufen. Die war für mich natürlich nicht mehr erreichbar. Damals schlitterte ich von einer Extremsituation in die nächste. Ich kam aus Russland zurück, wo eine Beziehung kaputt gegangen war und ging erst mal zu meinen Eltern. Nach der gescheiterten Beziehung stand ich vor dem Nichts. Ich hätte in Russland bleiben können, da ich ja einen guten Job hatte, aber ich wollte wieder nach Hause. Russland war für mich allein zu groß. Ich begann Medienwissenschaften zu studieren und zog in die WG. Na und dann passierte mir dieser bekloppte Unfall und ich musste schon wieder von vorne anfangen. Das heißt, vom Krankenhaus aus habe ich mir eine Wohnung gesucht, die einigermaßen zugänglich war. Ich habe das Glück zwei großartige Freundinnen zu haben, die mir während des Krankenhausaufenthalts und der Reha viel Kraft gegeben hatten. Die zwei zogen mit mir zusammen in die Wohnung. Dafür bin ich ihnen auf ewig unglaublich dankbar. Noch vor dem Unfall hatte ich mir einen Hund angeschafft und der hat dann praktisch meinen Mann klar gemacht.

Das möchte ich natürlich genauer wissen!

Ich war gerade auf dem Weg in die Druckerei und mein Hund hat ein Häufchen gemacht. Frauchen musste sich um das Häufchen kümmern und Hündchen ist abgehauen zu einer Gruppe Männer. Christian hat mit ihm gespielt und dann kamen wir miteinander ins Gespräch. Zum Schluss fragte mich Christian, ob ich denn jemanden hätte, der auf mich aufpasst. Ich meinte dann ganz emanzipiert, wie Frau ist, brauch ich nicht, natürlich nicht.. Wir haben uns trotzdem verabredet. 1-Christiane Göldner, Christian Kottwitz

Charli, also mein Hund, war an dem Tag völlig überdreht und zog mich zwei Mal fast aus dem Rollstuhl. Christian war immer genau in dem Moment da und hat mich gerettet. Also er war so was wie der weiße Ritter. Ja und irgendwie hat’s gepasst. Wir haben uns mächtig verliebt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Selbstwertgefühl, das ist ein wichtiges Thema. Man verliert natürlich ‘ne ganze Menge. Wenn Du aus einer Welt kommst, die schönheitsorientiert ist – ich habe mich ja selbst darin bewegt, Sport gemacht und so, wie ‘ne Bekloppte – und dann gehörste plötzlich nicht mehr darein. Was machste da? Da braucht man erst einmal eine Weile um sein Selbstwertgefühl gerade zu rücken und es stellt sich die Frage, was ist schön? Ich war froh, dass Christian keinen großen Wert auf ‘nen wackelnden Hintern gelegt hat. Er hat mich so gesehen, wie ich bin. Er sagte auch, dass er den Rollstuhl gar nicht wahrnahm, als er mich das erste Mal sah. Er sah mich. Was auch ganz spannend ist, Frauen denken, dass man als Frau im Rollstuhl keine Konkurrenz ist, für eine Frau, die läuft. Aber das ist ein oberflächliches Denken. Im Endeffekt strahlt es von innen und es muss natürlich passen. Wenn es Liebe ist, stört auch ein Rollstuhl nicht.

Wie bewegst Du Dich auf der Insel?

Ich hasse es mit dem Bus unterwegs sein zu müssen. Für mich gibt es nur das Auto und damit bin ich komplett selbständig. So bringe ich auch die Kinder zur Schule und hole sie ab. Gott sei dank bin ich noch so stark, dass ich den Rollstuhl selbst ins Auto stellen kann. Es dauert eben alles länger. Du musst für alles, was du machst mehr Zeit einplanen. Das bringt aber auch an gewissen Punkten Ruhe rein. Wenn es nicht anders geht, komme ich eben mal fünf Minuten zu spät. Das ist nicht weiter schlimm.

Du hast Deine Grenzen anerkannt und Frieden damit gemacht?

Ja und Nein. Du musst Kompromisse mit dir selbst finden. Wenn der Körper an gewissen Tagen nicht so will, wie man es gerne hätte, ist man schon frustriert. Aber das darf nie der Fokus werden – Frust! Es ist zum Beispiel so, wenn wir ans Meer fahren, weiß ich, dass ich erst mal nicht an den Strand komme. Da geht Christian alleine mit den Kindern nach Tieren schauen und ich muss warten, aber das ist in Ordnung. Damit habe ich mich arrangiert. Natürlich würde ich auch gerne mal mitlaufen. Das sind halt so Kleinigkeiten. Oder ich meide gewisse Situationen, bei denen meine Jungs in Gefahr kommen und ich dann nicht helfen könnte. Dieses Jahr werde ich das erste Mal alleine mit meinen Kindern fliegen. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Mein Großer hat sehr viel Energie und bei dem Kleinen kündigt sich das jetzt auch schon an. Ja, meine größte Herausforderung sind meine Kinder, aber das ist gut und ich denke jeder anderen Mutter geht es ähnlich.

Hattest Du nach dem Unfall schon alle Funktionen so wie jetzt, oder musstest Du Dir das erst erarbeiten?

Natürlich musst du dir alles erarbeiten. Gut, wenn jetzt was weg ist und nicht mehr wiederkommt, dann ist das so. Ich habe immer die Hoffnung und habe ja auch hart trainiert, aber in dem Sinne kam nichts. Du kannst nur lernen, damit umzugehen und dich selbst zu händeln. Du weißt, wie du die Beine legen musst, wenn du dich in den Rollstuhl setzt oder wie du dich aufrichtest, wenn du vom Bett hochkommen möchtest, wie du ‘ne Hose anziehst, deine Schuhe, die Socken. Das sind Kleinigkeiten, die muss man erst mal lernen. Ich habe Glück, dass mir das jetzt passiert ist und nicht erst, wenn ich achtzig bin oder so. Das wäre ein fürchterliches Problem. Da sind diese ganz alltäglichen Geschichten. Wie transportiert man eine Tasse mit heißem Tee, ohne sich zu verbrühen? Worauf muss man achten? Wenn Du keine Sensibilität mehr hast, ist das eine große Verletzungsgefahr, denn du merkst nicht, wenn du dich irgendwo stößt, schneidest oder verbrennst. Also der Körper ist schon fantastisch, ein Wunder. Mein Körper spricht mit mir. Ich muss nur genau hinhören. Zum Beispiel, wenn ich mich irgendwo gestoßen habe, reagiert der Körper, indem er anfängt zu krampfen. Das ist nicht schön. Du musst lernen, damit umzugehen. 1-Christiane im Rollstuhl Direkt nach dem Unfall war mein Körper in einer Starre. Die ersten sechs bis sieben Wochen passierte gar nichts, keine Reaktion, nichts. Und dann irgendwann fing es an. Die Füße begannen auf Berührung zu reagieren. Es gab wieder einen Muskeltonus. Plötzlich wippte ein Bein durch die Gegend und ich hatte den Gedanken, um Gottes Willen, was kommt jetzt noch? Das erste Mal, als das passierte, bekam ich einen Schreck und dachte, jetzt sitzt du schon im Rollstuhl und nun bekommst du auch noch ‘nen Tattrich. Das Schlimmste ist nicht mal, dass du nicht mehr laufen kannst, sondern der Verlust der Sensibilität, dass du nicht mehr normal auf Toilette gehen kannst, alles was sonst so ganz einfach ist. Die Sexualität ist eingeschränkt, ganz klar. Aber man kann trotzdem guten, ja hammermäßigen Sex haben. Das geht alles. Es geht ja ganz viel über den Kopf, und Frauen haben es da sicher auch einfacher als Männer.

Wie ging das damals für Dich weiter?

Ich bin ja gelernte Grafikdesignerin. Von daher hatte ich enormes Glück, dass ich nicht auf meine Hände gefallen bin oder meinen Kopf. Ich war vorher in Russland und habe in einer großen Agentur als Grafikerin gearbeitet. Als ich wieder zurück kam, begann ich ein Studium der Medienwissenschaften. Dann war der Unfall. Als ich aus der Reha kam, habe ich erst mal weiter studiert. Das war zwar alles nicht so einfach, aber machbar. Dann wurde ich schwanger und bin bis zum 8. Monat mit dickem Bauch und Rollstuhl über das denkmalgeschützte Pflaster vor der Uni geholpert. Als das Kind da war, dachte ich mir, was soll das? Erst hatte ich den Unfall und das Kind braucht auch ca. 1 Jahr meine Zeit und Aufmerksamkeit. Ich mache jetzt einen Cut und höre auf. Nebenbei hatte ich schon immer freiberuflich als Grafikerin gearbeitet und dann eben damit weiter gemacht. Das hat mir auch viel über den Unfall hinweggeholfen. Ich hatte Kunden, die wussten, dass ich gut arbeite – vielleicht wollten sie mir auch nur helfen. Jedenfalls tat mir das gut, weiter im Job zu sein. Danach war der Plan, 3D Animation zu studieren. Ich hatte bereits einen Studienplatz in Berlin, doch je näher der Termin kam, um so mehr Bauchschmerzen bekam ich. Es ging mir dabei nicht um das Studium. Das hätte mir sicher mega viel Spaß bereitet. Das ganze Drumherum machte mir Sorgen. Ich hätte jeden Tag 4 oder 5 Uhr aufstehen müssen. Dann die Fragen, bekomme ich einen Parkplatz, wie komme ich in die Schule rein? Das waren Grenzen, die mir Bauchschmerzen bereiteten. So nahm ich davon Abstand. Und dann sind wir ausgewandert.

Weshalb seid Ihr ausgewandert und warum nach Lanzarote?

Der Grund für die Auswanderung war eigentlich meine Situation im Rollstuhl. Kälte, Nässe, Schnee und Wind in Deutschland zwingen dich zu Hause zu bleiben. In bin ein Typ, der gerne raus geht, in der Natur ist. Und ich wollte das auch meinen Kindern geben. Lanzarote kam uns vom Klima her entgegen. Außerdem hatte ich Kontakt zu jemanden, der Handbikes verkauft. Auf Lanzarote finden regelmäßig Rennen für Menschen mit Behinderung statt und viele trainieren dort regelmäßig für die Paralympics bzw. für die wichtigen Marathons. Die Insel war also bekannt unter Rollstuhlfahrern. Das erschien mir eine gute Ausgangssituation zu sein. Wir sind dann her geflogen, haben uns umgeschaut und in die Insel verliebt. Hier wollten wir es probieren. Es war viel Bürokratie zu erledigen und wir mussten uns durchbeißen. Also wenn man denkt, man wandert aus und die Welt ist rosarot, das funktioniert nicht. Durch meine Zeit in Russland wusste ich das aber schon. Es war so anstrengend, wie alles, das man neu anfängt. Dadurch lernt man aber auch flexibel zu sein. Ohne Christian würde meine Welt natürlich ganz anders aussehen. Ich wäre ein ganzes Stück eingeschränkter. Er gibt mir Sicherheit, auch weil er ganz normal mit mir umgeht.

Wie gehen die Menschen hier mit Dir um?

Ich fühle mich hier auf der Insel und mit meinem Mann nicht behindert. Also die Leute hier gehen komplett anders mit mir um, als die Leute in Deutschland. Hier werde ich ganz normal behandelt, aber vielleicht empfinde ich inzwischen anders, weil mein Selbstbewusstsein mit der Zeit wieder gewachsen ist. In Deutschland stand mal jemand neben mir beim Bäcker und brüllte mich an, weil er wohl dachte, dass ich auch taub sei. Oder ich war mit Moritz beim Kinderarzt, komme raus und da läuft ein älterer Mann am Auto vorbei, schüttelt den Kopf wie verrückt und meint, auch das noch! Der hatte ein Problem damit, dass eine Rollstuhlfarerin ein Kind hat. Hier sind die Leute positiv überrascht, dass eine Rollstuhlfahrerin Kinder hat. Das Miteinander der Menschen ist im allgemeinen sozialer und freundlicher. So sind auch die alten Menschen Teil Ihrer Familien, was man in Deutschland nur noch selten findet.

Würdest Du diesen Schritt, nach Lanzarote auszuwandern noch einmal gehen?

Ja, jeder Zeit. Also ich möchte nicht mehr zurück.

Gibt es irgend etwas in Deinem Leben, dass Du jetzt anders machen würdest, wenn das möglich wäre?

Ich würde viele Dinge anders machen, würde bedachter an gewisse Dinge herangehen. Mit Sicherheit würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich an diesem Tag zum Klettern gegangen wäre oder nicht – ganz klar. Aber wenn mir jetzt jemand die Frage stellen würde, würdest Du Deine Kinder gegen Dein eigenes Schicksal tauschen, würde ich „nein“ sagen. Letzten Endes sind sie das größere Geschenk. Guck mal, vorher hatte ich keine Familie, vorher hatte ich keinen zuverlässigen Partner. Das wurde mir alles geschickt. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn ich das manchmal nicht so zeige, weil ich teilweise ganz schön barsch bin. Das liegt aber daran, dass ich irgendwie stark sein muss. Wenn du von dir selbst immer viel forderst, erwartest du das auch manchmal von deinen Mitmenschen.

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

Das kann ich so schnell gar nicht beantworten. Da fällt mir jetzt nichts ein. Aber ich würde gerne noch etwas sagen, das mir am Herzen liegt.
Campo Phoenix ist eine Einstellung zum Leben. Darum haben wir den Slogan „Life keeps rolling on“ gewählt. Das ist ein Sinnbild für unsere Einstellung und somit für unser Unternehmen – etwas, das wir unseren Kunden weitergeben möchten. Ein bisschen mehr Wahrnehmung zu den Dingen hin und zu sich selbst. LIEBE zum Leben, mit den Möglichkeiten die man hat. 524312_487373207956841_771984892_n Und ebenso wollen wir Nähe zu dieser wunderschönen, einzigartigen Landschaft Lanzarotes mit seinen Vulkanen schaffen. Die Menschen in Staunen und Begeisterung versetzen für die Andersartigkeit dieser Schönheit. Nähe schaffen wo vorher keine war.

Hier geht es zur Internetseite von Campo Phoenix.

 

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Ein Musical „BurnOut“ – geht das?

Burnout, Musical, Logo

 

Bei einer Veranstaltung der Deutschen Musical Akademie lernte ich Sabine Haydn kennen.
Ich erfuhr, dass sie ein Musical zum Thema Burnout geschrieben hat, das demnächst wieder in Berlin aufgeführt wird. Das machte mich neugierig und ich bat sie um ein Interview.

 

 

Wie bist Du dazu gekommen, ein Musical über das Thema Burnout zu schreiben?

Ich arbeitete zu der Zeit in einer Werbeagentur, einem klassischen Umfeld für Burnout. Einige meiner Kollegen waren auch betroffen. Sie standen unter einem enormen Druck. Es wird kontrolliert und ausgewertet, wieviel Zeit du zur Bearbeitung einer Aufgabe brauchst. Kreativität geht aber nicht auf Knopfdruck. Du hast mal bessere und mal schlechtere Tage. Dazu kam, durch den Zeitdruck bedingt, ein oft rauer Umgangston. Es hat mich sehr berührt und beschäftigt, wie schlecht es den Leuten geht, die das Burnout-Syndrom haben. Jemand der das nicht kennt, kann sich das nicht vorstellen. Es war erschreckend zu sehen, wie sie sich veränderten, wie sich rein äußerlich ihre Hautfarbe änderte. Die wird grau. Sie sind oft ganz nahe am Selbstmord. Das Schlimme ist, sie können nicht einfach aus der Situation heraus. Sie müssen ja Geld für den Lebensunterhalt verdienen. Und sie können auch nicht einfach gehen und sich woanders bewerben. Das funktioniert nicht, weil sie sich so wertlos fühlen. Wie sollen sie da einen Arbeitgeber davon überzeugen, dass der sie haben will? Ich hatte das immer vor Augen, aber ich habe mitbekommen, dass das Burnout-Syndrom auch etwas Gutes hatte. Es zwang die Leute dazu, sich in Therapie zu begeben, sich mit sich selbst und ihrem Leben zu beschäftigen, ihr Leben zu hinterfragen. Das führte meist dazu, dass sie gekündigt haben. Und sie suchten sich eine andere Arbeit oder gingen in die Selbständigkeit.

Hast Du den Burnout bei Deinen Kollegen mitbekommen und gedacht, darüber schreibe ich ein Musical oder hast Du ein Thema für ein Musical gesucht und bist so darauf gekommen?

Wahrscheinlich sowohl als auch. Gerade als ich die Idee hatte, ein Musical zu schreiben, erzählte mir ein Freund, dass er sich selbständig Musical, Burnoutgemacht hat. Und dass er jetzt endlich glücklich ist und froh, aus dem ganzen Agenturalltag raus zu sein. Bei einem Musical sollte man ja immer sehen, dass man eine Geschichte findet, die größer als das Leben ist, also etwas, das lohnend ist, dass man es erzählt. Und genau das habe ich darin gesehen. Denn wenn das nicht erzählenswert ist, dass hinter einer schweren Krankheit so ein schönes Ende stecken kann, was dann? Man muss sehr hart an sich arbeiten und Hilfe akzeptieren, aber das Ende ist selbstbestimmt und positiv. Eigentlich ist das perfekt.

Wie hast Du Dir das nötige Wissen für das Thema angeeignet?

Ich habe vier Jahre an dem Stück gearbeitet. Es gab viele Gespräche mit betroffenen Freunden und Bekannten. Sie waren unglaublich offen zu mir, selbst als sie wussten, dass es mir um Recherche für das Stück geht. Weiterhin habe ich Artikel zum Thema gelesen. Ganz wichtig, zum Schluss bin ich das komplette Stück mit einem Psychologen durchgegangen. Er stand mir an vielen Stellen noch einmal im Detail beratend zu Seite. Später kam noch unerwartete Unterstützung hinzu. Was ich nicht wusste, unser Hauptdarsteller hatte selbst ein Burnout-Syndrom durchlebt. Somit konnte er in vielen Momenten und Situationen beraten, auftretende Fragen beantworten und auf wichtige Dinge aufmerksam machen.

Hatte die Arbeit an dem Stück vielleicht auch einen Einfluss darauf, dass Du dann in der Werbeagentur aufgehört hast?

Nein, ich habe aufgehört, weil ich in die Selbständigkeit ging und keine Zeit mehr hatte, in der Agentur zu arbeiten. Ich habe immer versucht meine Dinge, die ich geschrieben habe, irgendwie an den Mann zu bringen. Um mir den finanziellen Freiraum zu schenken, an Konzepten zu arbeiten, habe ich nebenher in der Agentur gearbeitet. Es war aber nie mein Lebensziel in einer Agentur zu sein und zu bleiben. Ich glaube, wenn du von vielen Leuten umgeben bist, die versuchen, ihre Träume zu verwirklichen, dann ist es auch leichter solche Schritte zu gehen.

Wo liegen für Dich Sinn und Zweck des Musicals „BurnOut“?

Sinn und Zweck ist für mich, dass die Menschen anders raus gehen als sie rein gegangen sind. Und das bekomme ich jetzt bestätigt. Das bezieht sich natürlich auch darauf, dass der Hauptzweck eines Musicals ist, dass man einen schönen Abend hat. Das setze ich jetzt mal voraus. Ich würde nicht wollen, dass die Leute in ein Stück gehen und hinterher Suizidgedanken haben. Sie müssen unterhalten werden und das tun wir. Wir haben viele Momente, wo man lachen kann. Es gibt viele Momente mit einfach nur schöner Musik. Entscheidend ist für mich, dass es auch ganz viele Momente gibt, wo die Leute anfangen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Das kann sein, weil sie sich in Situationen wiedererkennen oder weil sie auf eine Thematik aufmerksam werden, die ihnen vorher vielleicht gar nicht bewusst war.

Denkst Du, dass Du mit „BurnOut“ bei den Menschen, die das Musical sehen, etwas bewirken kannst?

Ich hoffe es! Genau das ist das Ziel. Den Menschen, die nicht betroffen sind, zu zeigen, wie schlimm das Burnout-Syndrom tatsächlich ist, damit diese Krankheit ernster genommen wird. Und denen, die betroffen sind, Hoffnung zu geben und den Glauben daran, dass es hinterher wieder gut, wenn nicht noch besser wird. Wenn man nur ein paar Menschen Hoffnung geben kann, dann ist schon ganz viel erreicht. Ich bin sehr dankbar für das Feedback, das ich nach den ersten Aufführungen bekommen habe. So haben mir Leute mitgeteilt, dass sie nach dem Besuch des Musicals lange darüber nachdenken mussten. Ich erhielt E-Mails, in denen mir Leute schrieben dass sie durch das Stück erkannten, wie schlecht es ihnen eigentlich geht und sich in Therapie begeben haben. Und dass sie dankbar für den Anstoß sind, den sie von dem Stück bekommen haben. Wenn ein Stück so etwas auslösen kann, dann ist das großartig. Das ist mehr, als ich erwarten konnte.

Was denkst Du, ist die Ursache dafür, dass in unserer Gesellschaft Burnout immer häufiger auftritt?

Ich glaube, weil der Mensch immer weniger als Mensch gesehen wird. Menschen haben nur noch zu funktionieren. Es geht nicht mehr darum, ob 1-Foto von Karsten Noacketwas einem gut tut oder man sich wohlfühlt. Es wird geschaut, wo Zeit optimiert, wo etwas eingespart werden kann, damit es günstiger wird. Und das ist eben Arbeitszeit. Menschen kosten einfach viel. Die Firmen schauen, wo sie streichen können, so dass Pausen gekürzt werden oder dass es keine Aufenthaltsräume für Mitarbeiter mehr gibt, wo sie einfach mal zusammen kommen und einen Kaffee trinken können. Das sind alles so Sachen, die dazu führen, dass man aufhört sich wohlzufühlen, wenn man arbeitet. Dazu kommt, dass sich viele Menschen nicht mehr darüber bewusst sind, was Worte auslösen können. D.h., wenn ich jetzt als Chef irgendwelche herablassenden Bemerkungen zu einem Mitarbeiter mache, dann mag ich das vielleicht als nicht weiter schlimm ansehen. Der Mitarbeiter aber empfindet es als ganz schrecklich. Er hat vielleicht gerade mit privaten oder gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, hat Angst arbeitslos zu werden und ist dadurch viel empfindlicher, als man erwartet. Man sieht ja nie in einen Kopf hinein, weiß nie, was derjenige gerade erlebt hat. Deswegen ist es wichtig, auf die Worte, die man nutzt, aufzupassen. Worte können mindestens ebenso verletzen wie Waffen.

Was möchtest Du in dem Zusammenhang Menschen raten?

Egoismus ist ja immer etwas verpönt, aber ich glaube, ein gesunder Egoismus ist sehr wichtig. Man muss also schauen, dass es einem gut geht, sonst kann man auch nicht im Sinne von anderen Menschen funktionieren. Ich hatte jetzt gerade ein langes Gespräch mit einem für mich sehr wertvollen Menschen. Das Thema war: Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, wie kannst du dann von anderen Menschen erwarten, dass die dich lieben? Ich glaube, genau darum geht es. Man muss sich um sich selbst kümmern, sich selbst lieben. Wenn man sich selbst mit seinen Wünschen und seinen Emotionen wahrnimmt, kann man auch auf andere Menschen zugehen und denen was abgeben. Ich finde es ganz wichtig, zu fragen: Fühle ich mich wohl? Fühle ich mich mit mir selbst wohl? Was kann ich tun, damit ich mich wohlfühle? Und dann muss ich diesen Egoismus auch leben und vielleicht auch mal sagen, stopp – hier war eine Grenze, die wurde gerade überschritten. Oder dass ich mir so ganz banale Sachen wie einen Spaziergang gönne, mir die Zeit dafür frei schaufle. Das ist nicht immer einfach, gerade wenn man Kinder hat. Es ist wichtig, den Körper wieder wahrzunehmen. Wir Erwachsenen verlieren das meistens. Man kann das an Kindern so schön sehen. Die essen nur, wenn sie Hunger haben und die bewegen sich, wenn ihnen danach ist. Es ist essentiell, dass man wieder zu sich steht und auf sich achtet.

Du hattest letztes Jahr einige Tage in einem Kloster verbracht. Wie war das für Dich?

Mit der Uraufführung von „Burnout“ hatte ich mir einen lang gehegten, unfassbar großen Traum erfüllt. Die Umsetzung so eines Projektes hat positive, aber auch negative Seiten. Es ist nicht immer einfach, damit klar zu kommen. Und so kam es, dass ich letztes Jahr im Sommer das starke Bedürfnis spürte, ein paar Tage nur für mich zu haben. Da sind wir jetzt wieder bei dem Egoismus. Ich wollte raus aus meiner Familie und raus aus dem ganzen Berufsleben. Ich wollte weder Handy noch Internet haben. Ich brauchte einfach etwas Ruhe und Zeit für mich. Meine Wahl fiel auf ein Kloster. Ich hatte einen Bericht über den Aufenthalt Christine Westermanns in einem Kloster gesehen. Sie hatte sich schwer getan, mit der Stille und dem Alleinsein, aber das war genau das, was ich wollte – diese Grenze überschreiten. Ich wollte einfach mal nichts haben. Heute ist das ja schwierig, ohne Handy zu sein, nicht erreichbar. Da ich seit gut einem Jahr Chi Gong mache, habe ich mir ein Kloster in der Nähe von Hamburg ausgesucht, in dem ich auch die Möglichkeit dazu hatte. Chi Gong bringt mir sehr viel Kraft und Energie. Ich war dann fünf Tage in dem Kloster und es hätten gut noch zwei Tage mehr sein können. Ich habe mich dort wirklich aufgehoben, zu Hause gefühlt. Die Leute waren unglaublich nett. Was mich sehr beeindruckte – es gab dort einen Klosterladen, in dem man absolut hochwertige Sachen, von Kerzen über Bücher bis hin zu Schokolade, kaufen konnte. In diesem Laden war keiner. Da lag nur ein Holzbrett und wenn man sich etwas gekauft hatte, legte man den Betrag dafür auf dieses Brett. Das war die Kasse des Vertrauens. Ich fand das so schön! Dieser Name, Kasse des Vertrauens und dazu das Bild eines Orts, wo Menschen einander so sehr vertrauen. Es war schön, von Menschen umgeben zu sein, die alle dasselbe wollen. Es herrschte das positive Gefühl – wir sind alle gut füreinander. In der Chi Gong Gruppe waren wir 10 Leute. Jeder hatte sein eigenes Leben und seine eigenen Probleme mitgebracht, aber wir waren uns darin einig, die nächsten Tage dafür zu nutzen, an uns zu arbeiten. Ich dachte, wie kann es sein, dass völlig fremde Menschen so respektvoll miteinander umgehen? Und an anderen Stellen gibt es Menschen, die sich eigentlich gut kennen, die an einem Projekt zusammen arbeiten, aber es nicht schaffen, respektvoll, glücklich und zufrieden miteinander umzugehen. Diese Zeit im Kloster hat mir gezeigt, wie friedlich ein Miteinander sein kann, wenn sich Menschen mit Respekt begegnen. Das ist so wichtig. Es gibt ein gutes Gefühl, weil man sich wertvoller, wertgeschätzter sieht. Genauso empfinde ich Offenheit und Aufeinander-Zugehen als sehr wichtig in der heutigen Zeit. Neben der Hochzeit und der Geburt meiner Kinder zählt die Zeit im Kloster zum Schönsten, was ich bisher erleben durfte.

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

(lacht) Jetzt überforderst du mich etwas.

Ich mache es Dir einfacher. Gibt es etwas, das Du noch gerne erzählen möchtest?

Als ich sagte, dass ich ein Stück machen werde, das „BurnOut“ heißen wird, war die Reaktion vieler Menschen, nahezu aller: „Um Gottes willen, wie kannst Du so etwas nur tun! Da wird ja nie einer reingehen und sich das angucken!“ „Das wird nicht funktionieren. Wer möchte sich denn mit so etwas auseinandersetzen.“ Ich war sehr dankbar, dass zumindest Jens (der Komponist des Musicals, Jens Uhlenhoff) sofort an den Inhalt, den Titel und das Stück geglaubt hat. Bis heute führe ich noch immer viele Diskussionen bezüglich des Titels. Vielleicht haben die Leute auch Recht und vielleicht hätten wir mehr Zuschauer, wenn der Titel „Bunter Schmetterling, Himmel, Larifari“ wäre. Aber ich finde ihn nach wie vor gut, und jeder, der in der Show war, weiß, dass mehr als Burnout drin ist. Manche reagierten zuerst mit: „Musical mag ich nicht.“ Die, die dann trotzdem in der Show waren, weil sie einen von uns kennen, waren hinterher vollkommen erstaunt darüber. Einer der häufigsten Kommentare war: „Ich wusste gar nicht, dass Musical das kann.“ Daher wünsche ich mir von Menschen mehr Offenheit gegenüber Ideen, Projekten, Kunst und vor allem gegenüber anderen Menschen.

 

Sabine Haydn, Musical, Musical Burnout

Sabine Haydn studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien und schloss an der University of California, Los Angeles ein Drehbuchstudium ab. Neben ihrer Tätigkeit als Texterin / Konzepterin für eine Werbeagentur entwickelte sie Konzepte für den ORF.
Heute lebt sie in Berlin und ist Inhaberin der Firma SH Produktionen.
2015 wurde ihr Musical „BurnOut“ uraufgeführt. Ein weiteres Musical „Kann den Liebe Sünde sein“ wartet noch auf seine Premiere.

 

Szenenfotos: Karsten Noack

Internetseite des Musicals „BurnOut“

 

Hähle über Entscheidungen, Existenzangst und Sendepausen

Andreas Hähle 1

 

Ein Interview mit dem Texter und Autor Andreas Hähle

Er ist ein Kind der DDR, schloss eine Lehre als Facharbeiter für Maschinensatztechnik ab, übte den Beruf aber nur kurz aus. Eine permanente Sehnenscheidenentzündung zwang ihn zur Aufgabe. Danach war er Requisiteur am Theater, künstlerischer Leiter einer Theatergruppe, Redakteur, Moderator, Kolumnist, Produzent und Hörbuchsprecher. Er wäre gerne Schauspieler geworden, doch die Wiedervereinigung Deutschlands kam dazwischen.
Neben unzähligen Liedtexten für verschiedene Interpreten und Bands gibt es von Ihm die Veröffentlichungen „Karriere der Narren“, sowie „… und schuld an allem ist das Leben, die Sau!“ (Prosa und Gedichte)

Wann hast du angefangen Texte zu schreiben und was hat dich dazu gebracht?

Wir mussten das machen. Das war glaube in der dritten oder vierten Klasse. So genau weiß ich das nicht mehr. Es gab in der Unterrichtsstunde ein bestimmtes Thema und jeder sollte ein Gedicht dazu schreiben. Da habe ich ein Lob vom Lehrer bekommen. Das war schon mal schön. Zum anderen hat mir das Spaß gemacht, d.h. ich habe weiter gemacht und dann nicht mehr aufgehört zu schreiben.
Etwas später holte ich mir ein Buch von Heinz Kahlau* aus der Bibliothek. Ich wollte wissen, wie man Gedichte schreibt. Das habe ich gelesen und mir alles angeeignet, also richtig gelernt.

Welche Rolle spielte der Liedermacher und Texter, Kurt Demmler** in Deinem Leben?

An Kurt Demmler hatte ich noch während meiner Schulzeit eine Postkarte geschickt: „Herr Demmler, ich soll hier Liedtexte schreiben. Können sie mir nicht helfen?“ Überraschender Weise kam relativ schnell eine Postkarte zurück – mit seiner Telefonnummer und der Angabe von Zeiten, zu denen er telefonisch zu erreichen war. Ich habe ihn dann angerufen und bekam eine Einladung zu ihm nach Hause. Wir haben tatsächlich angefangen zu lernen. Er brachte mir texten bei und bis zu seiner Verhaftung, trafen wir uns öfters. Er schaute meine Gedichte an und gefragt: „Wie stellst du dir das als Liedtext vor?“ Dann zeigte er mir, wie man das umbauen kann. Eines Tages brachte er mich mit dem Manager Hartmut Lorenz zusammen. Er sagte ihm: „Ich kenne tausend Leute, die älter sind als der Andreas und meinen, dass sie Texte schreiben. Er kann das. Wenn er 30 ist, wird er ein ganz großartiger Texter sein. Ich bin mir sicher.“

Du hattest anfangs also nur aus Spaß geschrieben. War da nicht schon ein Gedanke, dass daraus ein Beruf werden könnte?

Überhaupt nicht. Das habe ich nur so für mich gemacht. Ich hatte ganz andere Pläne mit mir.

Welche?

Ich wollte immer Schauspieler werden, selbst als ich schon Texte schrieb und Hits dabei waren. Ich habe es dann aber doch nicht gemacht.

Warum? Was war passiert?

Die Wiedervereinigung kam dazwischen. Ich hatte die Rostocker Schauspielschule im Fokus. Die wollten mich aber nicht nehmen. Irgendwann wurde die Schule dann auch geschlossen und die Studenten alle aufgeteilt. Es ging damals so viel den Bach hinunter. Das war so: Dadurch, dass ich als Requisiteur am Theater tätig war, hatte ich guten Kontakt zu Schauspielern. Ich habe mit ihnen geübt, mich gut vorbereitet. Das Vorsprechen war dann auch erfolgreich, aber der Direktor der Schauspielschule sagte: „Du studierst hier nicht, auch nicht wo anders. Sie zu, dass du irgendwo zwei Jahre spielst und dann bekommst du deinen Berufsausweis auch so. Alles andere ist Quatsch.“ Dann kam aber die Wiedervereinigung, und alles wurde durcheinander gewirbelt. Im Theater in Anklam wäre ich untergekommen, aber da hatte ich bereits die Chance Radio und andere Sachen zu machen, z.B. eine eigene Comedy-Sendung. Da habe ich natürlich zugegriffen.

Andreas Hähle 2Du hast sehr viel Verschiedenes getan. Was davon liegt dir am meisten am Herzen?

Das ist tatsächlich die Schreiberei. Songtexte liegen mir sehr nahe. Wenn ich mal mehr Zeit habe will ich Prosa, Romane schreiben. Das interessiert mich auch, aber im Moment stehen die Songtexte im Vordergrund. Noch kommen junge Künstler zu mir und haben keine Schwierigkeit mit meiner Sprache. Es gibt sehr viele Anfragen und ich bin jeden Tag mit Texte schreiben beschäftigt.
Mit den Auftritten ist das so, dass ich eine Zeit lang sehr viele hatte – Kabarett und so. Ich habe das auch erst nur aus Lust an der Freude gemacht, für Freunde. Das sprach sich herum und wurde mehr. Dann wollten immer mehr Leute mit mir zusammen arbeiten. Aber das Wichtigste war und ist die Texterei. Von ihr geht alles aus und in ihr findet sich wahrscheinlich alles wieder.

Du hattest vor 3 Jahren einen Schwächeanfall, bist zusammengebrochen. Deine Ärztin empfahl dir dringend, eine Entscheidung zu treffen – zwischen Schreiben und Nebenjob.
Wie hast du das damals wahrgenommen und wie siehst du heute darauf?

Heute sehe ich das viel gelassener als damals. Es war so, dass ich nicht mehr schlafen konnte, obwohl ich todmüde war. So ging das über Wochen. Vielleicht habe ich mal eine oder eine halbe Stunde geschlafen. Das lag daran, dass ich mir vorgenommen hatte, morgens 8 Uhr aufzustehen und mich an meine Textarbeiten zu setzen. Manchmal bin ich auch 4 Uhr aufgestanden und zu Auftritten in Kindergärten gefahren, um etwas Geld zu verdienen. Danach habe ich bei Forsa gearbeitet. Ich bin so gegen 15.30 Uhr los, musste dann dort Leute anrufen, für Meinungs- umfragen. Das war anstrengend und ging immer so bis 21 Uhr. Dann bin ich nach Hause gefahren. Während der Telefonate hatte ich einen müden Punkt und habe ihn immer übergangen. Also ich habe das nicht bemerkt, weil ich dort bei dieser Arbeit unter Adrenalin stand. Ich bin dann nach Hause gefahren und konnte nicht mehr schlafen. Irgendwann stand ich auf und war weg, bewusstlos. Das konnte nicht so weiter gehen. Meine Ärztin sagte mir: „Du musst eine Entscheidung treffen, zumindest vom Tagesablauf. Der muss anders werden.“ Durch Zufall hatte ich einen Auftrag bekommen, der mir recht viel Geld einbrachte. Ich konnte davon einen Monat lang leben, ohne einen Nebenjob zu haben. So entschied ich mich, meiner lieben Ärztin gehorchend, einen Monat Pause zu machen.
Von dem Geld wollte ich also einen Monat leben. Aber dadurch, dass ich mich mehr auf das Künstlerische konzentrieren konnte – Auftritte organisieren u.s.w. – verdiente ich so viel, dass ich den nächsten Monat auch wieder leben konnte. Und das ging immer fort und fort und das hat sich bis heute so gehalten.
Allerdings hatte ich Existenzängste. Was würde morgen und übermorgen sein? Morgen hätte ich vielleicht nichts zu essen. Das war schon eine sehr schwere Entscheidung für mich.
Heute weiß ich, es war richtig. Wenn man wirklich in seinem eigenen Fluss ist, dann funktioniert es. Das habe ich erst später begriffen. Vielleicht war es auch der richtige Zeitpunkt.

Was bedeutet das Wort „nein“ für dich – im Zusammenhang mit deiner Arbeit?

„Nein“ fällt mir leicht. Wenn mir etwas nicht behagt, dann mache ich das nicht. Es gibt auch Sachen, von denen ich glaube, dass ich sie nicht kann. Z.B. als die Anfrage von den Söhnen Mannheims kam, am Tresen halt, habe ich sofort gesagt, klar kann ich Texte schreiben, wenn ihr wollt, aber ich schreibe keinen Rap. Also wenn ich weiß, dass kann ich nicht, dann mache ich das auch nicht. Ich habe Anfragen für englische Texte bekommen. Die schreibe ich gerne in Deutsch. Übersetzen müssen sich die Leute das dann selbst. Das funktioniert. Wenn ich ein ganz schlechtes Gefühl habe, dann gibt es auch ein „nein“. Ich hatte mal für RTL gearbeitet und habe nach zwei Wochen einfach gekündigt, obwohl ich dort relativ gut verdiente. Das ging einfach nicht. Ich wusste da auch nicht, wie es mit mir weitergeht, aber das war mir egal. Das war wieder so ein Punkt, wo ich ins Nichts gefallen bin, aber die Arbeit passte mir nicht. Ich habe gemerkt, dass es schlimm ist, was die mit den Menschen anstellen. Ich sollte für Dokumentationen Menschen im Prinzip nackig machen. Genau an diesem Punkt habe ich den Auftrag abgelehnt und gesagt, hier mache ich gar nichts mehr.

Auf deiner Facebookseite schreibst du: „Was uns heutigentags fehlt, ist Sendepause und Sendeschluss.“ Sag doch bitte etwas dazu.

Das halte ich für sehr wichtig. Es fehlt das Prinzip des Feierabends. Man ist immer irgendwie präsent, ist immer jemand, der etwas empfängt. Jemand sendet und man empfängt. Man ist also ständig in einer passiven Kommunikation. Es fehlt oftmals dieses in sich selbst ruhen. Es gibt Menschen, die das können und ich mache das auch. Es hilft einem, mit sich selbst klar zu kommen. Es hilft viel von der Welt zu sehen und sich mit der Welt kommunikativ zu halten. Ob man nun zur Arbeit geht, fernsieht, ins Internet schaut u.s.w., man empfängt ständig Informationen. Uns fehlt einfach mal ein Cut, dass man sagt, so jetzt ist Feierabend. Ich setze mich mit meiner Frau ins Bett, lese ihr was vor und danach schauen wir vielleicht einen Film, den wir selbst aussuchen. Oder wir reden miteinander oder jeder ist für sich. Ich merke es auch an den Kindern. Da ist es noch schlimmer, da sich Kinder viel weniger dagegen wehren können. Die werden mit Reizen überflutet und zugeschüttet, sind hypernervös. Dann gibt es die Diagnose ADHS, wobei ich an dieses Krankheitsbild nicht glaube. Kinder, die sich nicht uniformieren lassen, also einen eigenen Charakter ausbilden, aus der Reihe tanzen, die werden sofort synchronisiert. Kinder sind heutzutage ganz schwer in der Lage, sich auf sich selbst zu konzentriere. Das ist etwas, wo ich sage, dass fällt uns mal, nicht nur menschlich, sondern auch gesellschaftlich auf die Füße. Früher gab es beim Fernsehen einen Sendeschluss oder eine Sendepause, dieses Testbild. Da war eben Feierabend. Heute wird man pausenlos von irgendwas berieselt. In den Kreisen, in denen ich auftrete, da sind so ganz bestimmte Menschenarten. Das klingt jetzt etwas komisch, weil man sortiert. Das sind aber ganz bestimmte Charaktere, die dieses Ausschalten genießen. Die auch zu diesen Veranstaltungen bewusst hingehen und sagen, ich bin jetzt hier dabei und genieße das. Die Leute gehen immer weniger weg, weil sie alles aus dem Fernsehen oder Radio nehmen, was aber oft nicht gut ist. Sie bilden sich durch Einflüsse von Außen, aber diese Einflüsse muss man auch verarbeiten können, mit sich selbst in Beziehung setzen. Dafür sind Sendepausen wichtig.

Was würdest du gerne mal gefragt werden?

Da fällt mir jetzt spontan nichts ein.

Gibt es vielleicht einen Rat von dir, für Menschen, die nicht so richtig wissen, wohin mit sich – die Wünsche und Träume haben, aber sich nicht trauen, diese zu verwirklichen, weil sie dafür vielleicht einen festen Job mit gesichertem Einkommen aufgeben müssten.

Existenzangst ist was Schlimmes. Das darf man nicht unterschätzen. Und das ist auch gesellschaftlich suggeriert. Harz IV Empfänger, die sind schon wie Leprakranke oder Aussätzige. Wenn du keine Arbeit hast oder nicht genug Geld verdienst, bist du nichts wert.
Wenn man ins alte Römische Reich schaut, gab es immer zwischen 1 und 8 % der Bevölkerung, die nichts gemacht haben. Die entweder nicht befähigt waren oder keinen Bock hatten. Und vom alten Römischen Reich an hat man die immer mit durchgefüttert. Selbst in der DDR gab es solche Leute. Die haben 7 Mark pro Tag bekommen. Das war nicht offiziell. Man hat das verheimlicht, weil das ja nicht zum Bild einer sozialistischen Persönlichkeit passte. Die DDR bestand aber nur aus sozialistischen Persönlichkeiten. (lacht) Aber das gab es natürlich auch. Jede Gesellschaft hat das also in Kauf genommen. Dieses Inkaufnehmen wurde zum einen negiert und zum anderen wurde über Menschen, die durch die marktwirtschaftlichen Verhältnisse arbeitslos wurden, gleich der Stab gebrochen. Das macht den Leuten natürlich wahnsinnige Angst. Wer will schon Lepra bekommen!
Was ich raten würde? Man sollte sich einfach mal hinsetzen. Da haben wir wieder dieses Sendepausenprinzip. Man sollte sich ruhig hinsetzen und fragen, wer bin ich? Was will ich? Das kann ja bis ins Private gehen. Z.B. Habe ich den richtigen Partner? Wie möchte ich mich sehen, wenn ich eines Tages gehe? Was ist wichtiger, wie die anderen mich sehen oder wie ich mich sehe? Ist es wichtig, was für ein Auto ich habe oder ist es irgendwann der Punkt, dass die Menschen sagen, der hat für sich echt was erreicht in diesem Leben. Und mit diesem „für sich“, heißt das nicht, der hat das und das angeschafft, sondern das ist ein Mensch, zu dem man aufschauen kann. Der hat sich klug gemacht, im Laufe des Lebens. Das kann ein Arbeitgeber sein, ein Arbeitnehmer aber das kann auch jemand sein, der einfach mal ausbricht. Diese Intension, auszubrechen, die kann man ruhig mal versuchen. Man sollte das aber nur machen, wenn man ein Ziel hat.
In meine Texte schreibe ich ja oft Messages rein. Allerdings werden die meist von Leuten konsumiert, die das sowieso schon wissen. Aber das ist nicht so schlimm. (lacht)
Man sollte versuchen, sich selbst zu finden. Komme ich mit mir klar? Wenn ja – warum? Wenn nein – warum nicht? Alles andere ergibt sich dann aus diesen Fragen und den Antworten darauf. Sich zu hinterfragen ist ganz wichtig. Das fehlt den Leuten oft. Die wollen immer Erfolge verkaufen und wie toll sie sind. Ich passe da bei mir auf. Sicher freue ich mich über Schönes, über Erfolge, aber ich schaue, dass ich nicht abhebe. Wenn man auch mal an sich zweifelt, dass ist eher ein Nährboden für Entwicklung.

 

Internetseite von Andreas Hähle

*Heinz Kahlau (1931 – 1012), war ein deutscher Lyriker, Meisterschüler von Bertolt Brecht.

**Kurt Demmler (1943 – 2009), war in den 70er und 80er Jahren einer der erfolgreichsten Songtexter der DDR. Er schrieb für fast alle bekannten Musiker und Bands, auch für westdeutsche und ausländische Interpreten. Mehr als 10.000 Liedtexte stammen von ihm, so auch „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen.

Er empfindet!

Schönheit am Wegrand

 

Heute war ich wieder bei Frank und wurde zutiefst berührt und erschüttert.
Dieses Mal lag er mit dem Gesicht der Tür zugewandt. Die Sonne schien in sein Gesicht und ließ das Blau seiner starr geradeaus blickenden Augen durchsichtig erscheinen. Doch einen Blick in seine Seele gaben sie nicht frei. Oder konnte ich es nur nicht sehen? Ich begrüßte ihn. Seine Augen blickten ins Leere.

Ich hatte gelesen, dass Menschen im Wachkoma auf Tiere reagieren und Pferde für Therapiezwecke eingesetzt werden. Ein Pferd hierher mitzunehmen, wäre sicher etwas schwierig, aber ich habe einen kleinen, sehr lieben Hund Arno, und der war heute mit. Ich hob ihn hoch, in die Nähe von Franks Gesicht. Frank reagierte. Sein Mund versuchte Worte zu formen. Sie blieben tonlos, aber er bemühte sich immer wieder – und da – eine kaum zu bemerkende Bewegung seiner Augen zu Arno hin. Mein Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer. Welches Gewicht doch Kleinigkeiten manchmal haben und vor allem, wie viel Freude und Hoffnung sie geben können!

Dann las ich Frank eines meiner Märchen vor, in dem ich über Metaphern aus der Pflanzenwelt von zwei Liebenden erzähle. Es geht um Trennung, alleine sein, Wachstum und wieder finden. Er muss diesen Inhalt verstanden haben, den er reagierte unterschiedlich auf verschiedene Textstellen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und dieses Mal versiegten diese nicht. Sie übertraten die Schwellen und liefen ins Freie.

Als Nächstes hatte ich Texte aus Paulo Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ ausgewählt.
Ich las: „Ein Krieger des Lichts bekommt im Leben immer eine zweite Chance. Wie alle anderen Menschen auch, weiß ein Krieger am Anfang seines Lebens nicht, wohin sein Weg ihn führen wird. Oftmals hat er den falschen Weg eingeschlagen, ehe er herausfindet, welches der Traum ist, den er in seinem Leben verwirklichen muss….“

Ich traute meinen Augen kaum. Der im Wachkoma vor mir liegende Mensch, von dem ich nicht wusste, was er wahrnimmt, ob er etwas empfindet, war völlig aufgewühlt. Er hob den Kopf, einem tiefen Atemzug folgte ein leises Stöhnen, die Lippen formten tonlose Worte und er weinte, seine ganze Mimik weinte. Die Tränen flossen über seine Wangen und tropften auf Hände, die sie nicht abwischen konnte. Jetzt wusste ich, Frank konnte verstehen, fühlen. Welcher Schmerz musste in diesem Körper gefangen sein! Er konnte ihn nicht hinausschreien, sich niemandem mitteilen. Auch meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich mag gar nicht daran denken, wie es sich wohl anfühlt, wenn man plötzlich mitten aus dem Leben gerissen wird, weg von Familie und Freunden.
Ich habe selbst erfahren, wie schnell sich eine Lebenssituation ändern kann, als mein Mann starb. Keiner weiß, wie lange er sich bei guter Gesundheit des Lebens erfreuen kann. Wie oft gehen wir achtlos mit unserer Lebenszeit um, verschieben Dinge, die wir gerne tun würden auf später, jagen der Kariere hinterher und vergessen darüber die Familie, sagen einem Menschen nicht, was er uns bedeutet, erfreuen uns nicht an Blüten am Wegrand, …!

Frank kann nicht sprechen, aber er kann uns so viel lehren, uns wach rütteln.

 

Zum besseren Verständnis kannst Du den vorhergehenden Beitrag „Wie ein Wachkomapatient mir half, mich zu erinnern“ lesen.
Auf das angekündigte Interview mit Franks Frau Karin gedulde Dich bitte noch ein wenig. Es erfordert Kraft über Schmerzliches zu reden, und so ist es ihre Entscheidung, wann sie bereit ist, das zu tun.

Hinweis: Die Namen wurden geändert.

Buchempfehlung: Paulo Coelho, „Handbuch des Kriegers des Lichts“, Diogenes Verlag

Wie ein Wachkomapatient mir half, mich zu erinnern

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Vor zwei Tagen besuchte ich einen Freund. Ich sage Freund, auch wenn wir uns nur wenige Male gesehen und gesprochen hatten. Mit manchen Menschen fühlt man sich sehr schnell verbunden, weil sie gleiche Ziele, Ansichten, Wertevorstellungen haben. Jedenfalls war ich ihn besuchen und das hat mich so sehr berührt, dass ich jetzt weiß, was ich in meinem Blog schreiben werde: Geschichten – über Menschen, über das was sie im Alltag erleben, fühlen, verkraften, leisten – über das, was sie antreibt, was bei ihnen Veränderung, Entwicklung bewirkt.

Das letzte Mal, als ich meinen Freund Frank sah, war er ein großer, agiler Mann. Er war voller Energie und Enthusiasmus dabei, sich und seiner Familie eine neue Existenz aufzubauen. Ich wollte von ihm einen Rat zu einem Thema, das mich bewegte und den bekam ich auch. Nun, etwa 2 Jahre später durchquere ich einen Hinterhof, gehe in einen erleuchteten Hausflur und steige die Treppe zur ersten Etage hinauf. An der Tür steht „Lebensmut“. Ich solle einfach die Tür aufdrücken, hatte mir Franks Frau Petra geschrieben. Das Zimmer geradeaus wäre seins.
Die Lebensmut-Tür gibt leicht nach und ich stehe am Anfang eines U-förmigen schmalen Ganges. So hatte ich mir ein Pflegeheim nicht vorgestellt, aber ich bin angenehm überrascht. Für mich hat es etwas von einer großen WG. Wenige Schritte vor mir ist die Zimmertür weit geöffnet. Ich sehe einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen, dahinter eine Sitzbank. Der Rollstuhl neben dem Tisch ist leer. Vom anderen Ende des Ganges höre ich Wasser plätschern und Stimmen. Ich warte, ob vielleicht ein Pfleger kommt. Als mir das zu lange dauert traue ich mich, in das offene Zimmer hinein zu schauen.
Da liegt ein Mann in einem breiten Bett mit Geländer. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Es ist von mir abgewannt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ich wusste von Petra nur, dass ihr Mann im Wachkoma liegt. Noch nie hatte ich einen Menschen in diesem Zustand gesehen.

Als ich meinen Vater das letzte Mal besuchte, lag er im Koma. Sein Körper sah ganz entspannt aus und die Augen waren geschlossen, als würde er schlafen. Als ich ihm von meinem erfolgreichen Auftritt zur Abschlussveranstaltung eines Workshops an der Stage School in Hamburg erzählte, kullerten zwei Tränchen aus seinen Augen. Das war alles ganz friedlich und trotz der traurigen Umstände irgendwie schön. Seine Reaktion zeigte mir, dass er mich gehört hatte und ich glaube es waren Freudentränchen.

Vor mir liegt ein gekrümmter Körper an Plastikschläuchen, die Augen geöffnet, aber der Blick ist starr. Die Hände sind spastisch verkrampft, Gesicht und Haare verschwitzt. Ich bin mir nicht sicher, ob das Frank ist. Es ist bereits dämmrig. Das Licht möchte ich nicht anschalten. Es würde den Menschen vor mir bestimmt blenden. Ich schaue genauer hin. Doch, das muss er sein. Ich denke an Petra. Wie mag es ihr gehen, wenn sie ihren Mann so sieht? Ich habe einige Male mit ihr telefoniert. Ihre Stimme hörte sich zart und zerbrechlich an, aber sie machte immer einen sehr gefassten Eindruck. Ich bewundere die Stärke dieser Frau.

Ich lese Frank Märchen vor und ein paar Seiten von Clemens Kubys Geschichte über dessen Heilung von einer Querschnittslähmung. Frank reagiert, schließt eine Weile die Augen, öffnet sie wieder. Das Weiß der Augäpfel rötet sich. Es sieht aus, als wollen Tränen fließen, aber das schimmernde Nass versiegt, bevor es überfließen kann. Zwei oder drei Mal ringt sein Körper einen Seufzer hervor. Einmal sieht es so aus, als ob er etwas sagen will. Die Mimik seines Gesichts verrät große Anstrengung, doch als er den Mund öffnet, läuft nur Speichel heraus. Ich habe das Gefühl ein kleines Kind vor mir zu haben, wische den Speichel ab. Ich glaube, ich fühle gerade, was in etwa Mütter behinderten Kindern fühlen. Irgendwie muss diese Hilflosigkeit bei Frauen so etwas wie einen Reflex für Zuwendung und Fürsorge auslösen, ein warmes Gefühl der Liebe.

Zu gerne würde ich wissen, was bei Frank ankommt und wie er das wahrnimmt. Auf jeden Fall bin ich davon überzeugt, dass er mich hört. Und ich glaube daran, dass sich sein Zustand bessern wird, will es glauben. Ich denke darüber nach, wie es wohl sein mag, in einem Körper gefangen zu sein, der nicht mehr richtig funktioniert, der wie ein Käfig ist. Diese Seele hatte definitiv den Körper schon verlassen. Frank wurde eine Stunde lang reanimiert. Was hat sie dazu gebracht nach dieser langen Zeit wieder zurück zu kehren? Das muss doch einen Sinn haben! Ich sage das Frank und bitte ihn zu kämpfen. Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk und erschafft sich ständig neu. Da geht noch was.
Clemens Kuby sagten die Ärzte, er würde den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen. Er ignorierte das, wollte wieder gesund werden. Ich habe ihn 2008 mit eigenen Augen ganz normal auf der Bühne herumlaufen gesehen.

Auf dem Heimweg beschäftigt mich die Frage, warum dieses Herz einfach stehen blieb. Lebte Frank so sehr an ihm vorbei? Selbständig zu sein oder alleine ein Geschäft, eine neue Existenz aufzubauen, fordert sehr. Ich bin auch erst vor kurzem auf die Bremse getreten. Ich habe gearbeitet, auch am Wochenende, auch am Abend, keinen Urlaub gemacht. Mein Leben bestand fast nur noch aus arbeiten, schlafen, essen, bis ich mich fragte, was ich da eigentlich treibe. Jeder Mensch in einem Anstellungsverhältnis hatte einen Feierabend, freie Tage. Ich dachte an die Zeit vor meiner Selbständigkeit zurück. Da fand ich Zeit zum Stricken, Nähen, Treffen mit Freunden, …
Seit ich selbständig war und alleine lebte, musste immer etwas erledigt, abgearbeitet, noch erreicht werden. Die Tage waren einfach zu kurz. Halt! Da stimmte etwas nicht! Ich erkannte, dass ich selbst mir die Erlaubnis geben musste, Feierabend zu machen. Ich selbst musste mir Zeit geben, um abzuschalten, aufzutanken. Ich musste lernen liebevoll mit mir umzugehen. Ich hatte es gerade mal wieder vergessen, aber Frank erinnerte mich daran. Er wird mich ab jetzt immer erinnern, dass ich ein Herz und einen Körper habe, die Zuwendung und Erholung brauchen.

Ich werde mir Zeit nehmen, Frank weiter zu besuchen, ihm vorzulesen und zu erzählen. Ich schenke diese Zeit mir und ihm. Ich denke Zuwendung ist für ihn ganz wichtig und kann Besserung bewirken. Für mich sind diese Stunden aufbauend, denn Helfen macht glücklich. Auch Petra kann ich damit unterstützen. Sie ist bis zu zwei Stunden unterwegs, um ihren Mann zu besuchen und zurück noch einmal so lange. Bald werde ich sie persönlich kennen lernen. Darauf freue ich mich und ich bin sehr gespannt.

Hinweis: Die Namen wurden geändert.
Literaturempfehlung:
Clemens Kuby, Unterwegs in die nächste Dimension, Goldmann Verlag