Life keeps rolling on – Das Leben rollt weiter

1-Christiane vor Hügeln

Ich kenne sie schon lange. Ende der 80iger und in den 90igern tanzte sie in meiner Dance Company, dann gingen unsere Lebenswege in unterschiedliche Richtungen. Vor einiger Zeit entdeckte ich sie zufällig bei Facebook. Die Fotos zeigten sie im Rollstuhl sitzend. Was war in der Zwischenzeit passiert? Ich recherchierte und fand Schockierendes, Erstaunliches, Berührendes und Beeindruckendes. Nach einer ersten Kontaktaufnahme verabredeten wir uns auf ein Interview via Skype.
Und hier ist es nun, das Interview mit Christiane Göldner, Geschäftsführerin und Inhaberin von Campo Phoenix auf Lanzarote.

Du hast eine eigene Firma auf Lanzarote. Was ist das für eine Firma?

1-Geschäft Meine Firma heißt Campo Ph0enix mit Sitz in Yaiza, Lanzarote auf den Kanarischen Inseln. Wir bieten geführte Touren mit speziellen Fahrzeugen für Einheimische, für Touristen, für jeden, der Lust hat, sich die Insel auf sportliche und besondere Weise anzuschauen. Unterwegs gibt es außer der Einzigartigkeit der Landschaft, viele Informationen über Historie und Kultur. Weiterhin haben wir Angebote für Menschen mit körperlicher Behinderung. Das sind zum einen Handbikes, die wir vermieten und dann die MiAmigos von Franz Nietlispach, einem 14-fachen Paralympics-Sieger aus der Schweiz. Der MiAmigo ist ein kleines Zuggerät, das sich einfach am Rollstuhl befestigen lässt. Somit können sich Rollstuhlfahrer freier bewegen und mehr unternehmen. Ich bin sehr stolz, dass wir diese Möglichkeit bieten. Weiterhin bringe ich meine Kenntnisse als Grafikdesignerin ein. Ich designe Textilien, passend zu unseren Touren. Diese bieten wir in einer guten Qualität unserer eigenen Fair Trade Marke an.

Wie lange gibt es die Firma schon und hast Du sie mit jemanden zusammen oder alleine gegründet?

Campo Phoenix existiert seit ca. 1 1/2 Jahren. Ich habe das Unternehmen zusammen mit meinem Mann aufgebaut. Alleine wäre das für mich gar nicht möglich gewesen. Er fährt die Touren und ist ein hervorragender Tourenguide und Partner in allen Lebenslagen. Ich arbeite im Hintergrund, mache Kundengespräche, Akquise, Verträge, designe, halte den Laden in Ordnung, etc. – alles was drumherum gebraucht wird, damit das Geschäft läuft.
Irgendwann werden wir sicher auch noch Leute einstellen, aber momentan müssen wir unser junges Unternehmen erst einmal selbst stabilisieren. Ich dachte, dass die Idee leichter umzusetzen wäre, aber wahrscheinlich ist es sogar gut, wenn man anfangs nicht weiß, was da alles auf einen zukommt. Auf jeden Fall lernt man viel, und diese Erfahrungen sind bei anstehenden Entscheidungen sehr wertvoll.

Wie lange bist Du schon mit Deinem Mann zusammen und habt ihr Kinder?

1-schwangerWir sind seit neun Jahren zusammen, aber nicht verheiratet. Ich sage nur „mein Mann“, weil er das ja im Prinzip ist. Wir haben zusammen zwei Kinder, und ich denke, dass es auch ohne Ehering ganz gut funktioniert. Die Kinder sind beide in meiner Rollstuhlzeit geboren. Leute fragen mich oft, wie geht das? Kann man als gelähmte Frau gesunde Kinder bekommen und überhaupt Kinder bekommen? Da kann ich immer nur sagen, es geht, und man kann auch als querschnittsgelähmte Frau guten Sex haben. Das geht auch. Die beiden Jungs kamen ohne Probleme auf die Welt, ohne Einleitung oder sonst was. Darauf bin ich sehr stolz. Die Schwangerschaft mit meinem Jüngsten, war hier auf der Insel schon ein Highlight. Es ist natürlich krass, wenn ‘ne Rollstuhlfahrerin mit ‘nem dicken Bauch durch die Gegend rollert. Dann denken die Leute, was ist denn mit der passiert? Ich bin stolz das ich dass geschafft und zwei gesunde Kinder habe.

Waren die Kinder geplant oder ist es einfach passiert?

Beide Kinder waren nicht geplant aber gewünscht. Ich war mit Christian drei Monate zusammen, da ist der Moritz schon entstanden. Und auch Leo war herzlich willkommen. Mehr Kinder möchte ich aber nicht. Das schaffe ich körperlich nicht nochmal. Ich werde ja leider nicht jünger. Es bleibt einfach zu wenig Zeit für Schlaf. Zwei Jungs reichen.

Wie lange seid Ihr schon auf Lanzarote?

Wir sind vor ca. sechs Jahren hierher gekommen.

Lass uns etwas weiter zurück gehen. Ich kenne Dich ja noch als herumspringendes, junges Mädchen. Jetzt bist Du querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl. Was war passiert?

Das Schicksal hat es gut und schlecht mit mir gemeint. Eigentlich mehr gut als schlecht. Ich bin in Berlin beim Klettern abgestürzt und dabei so ungünstig aufgeprallt, dass die Energie, die sich ja irgendwo entladen musste, das am 10. Brustwirbel tat. Also ich bin im Prinzip gestorben. (Es ist eine Weile ruhig.) Ja, der Tag hat mein Leben verändert. Aber ich sage es mal so, ich habe viel, viel Gutes bekommen. Ich war vorher rastlos, immer auf der Suche, wo meine Aufgabe ist. Dieser Tag hat mir zu denken gegeben – nicht mehr einfach so zu leben. Ich habe meine Wertevorstellungen komplett überdacht und geändert. Oberflächliches hatte da keinen Platz mehr. Du kannst Schätze finden, bei Menschen, bei denen Du das nie erwarten würdest. In jedem steckt irgendwo etwas Gutes.

Wie lange liegt das zurück und wie hast Du das gemeint, Du bist gestorben?

Die Christiane, die es vorher gab, die gab es nicht mehr. Ich habe auch jetzt immer noch das Gefühl, dass ich mit 28 gestorben bin, also ich bin weg. Und auch physisch, mein Herz wollte nicht mehr. Die Ärzte haben mich zurückgeholt. Ich glaube, ich habe zwei Mal die Chance bekommen auf dieser Welt zu bleiben. Mein Zeitempfinden hat sich seit dem geändert, das gibt es eigentlich nicht mehr. Zeit ist mir völlig egal. Mich hat vor ein paar Tagen jemand gefragt, wie alt ich bin. Ich musste eine Weile überlegen. Es ist nicht wichtig. Es spielt keine Rolle. Es ist ein Geschenk, dass man lebt, da ist.

Kannst Du nochmal etwas zu der gestorbenen Christiane sagen?

Na ja, wenn Du gesund bist, kannst Du ganz andere Dinge erleben. Das war eben in dem Moment für mich nicht mehr möglich.  Die Christiane, mit all Ihren Möglichkeiten in einem gesunden Körper, konnte es nicht mehr geben. Wenn Du nicht mehr laufen kannst, bekommst Du jeden Tag Grenzen aufgezeigt. 1-1-Scan0054 Jeden Tag hast Du Barrieren, die Du erst mal begreifen musst. Und Du musst lernen, damit umzugehen. Ich sag mal so, man muss sich halt andere Ziele setzen, anders denken. Das macht man automatisch, wenn man den Willen hat, weiter zu leben. Dann sucht man sich halt andere Möglichkeiten. Ich habe vor dem Unfall immer viel trainiert, viel getanzt. In jungen Jahren habe ich so viel erlebt, dass ich mir dachte, du hattest das alles, das war ein Geschenk und das war gut so. Natürlich fehlt mir das teilweise. Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, dass es nicht so ist. Aber es ist so, dass ich weiß, ich war da. Ich habe getanzt und auf der Bühne gestanden, und ich habe selbst andere Menschen trainiert. Das war ein großer Teil meines Lebens. Die Zeit, die ich hatte, war toll, das war in Ordnung. Jetzt geht es weiter mit einer neuen Aufgabe, Punkt. Wenn ich mein Herzblut würde austropfen lassen, das wäre nicht gut, das macht depressiv. Die Zeit mit Tanz und Sport hat mich so geprägt, dass ich mir dachte, es geht weiter – auf eine andere Art und Weise. Auch im Krankenhaus gab es viele Anreize, viele Leute, die ich kennenlernte, die mir Kraft und Mut gaben. Es gibt so viel anderes, das du machen kannst. Und im Endeffekt war ich dann hier in Yaiza Trainerin für Yoga-Pilates im Rollstuhl.

Du hattest vorhin gesagt, dass Dein Herz nicht mehr wollte, dass man Dich zurückgeholt hat. Wie lange hat es gedauert, bis Du wieder leben wolltest? Wie konntest Du Dich mit der Situation engagieren?

Ich glaube, so eine Phase, nicht mehr zu wollen, die hatte ich gar nicht. Es gab nur einen Tag – als ich nach der OP aufwachte, meine Mutter bei mir war und ich ihr sagte: „Mutti, ich möchte so nicht leben, das bin ich nicht.“ Dann bin ich wieder eingeschlafen. Das war glaube das einzige Mal, dass ich so verzweifelt war.
Einen Rückschlag gab es dann doch noch, nach der Reha. Ich hatte zu viel gemacht und meine Schrauben im Rücken sind gebrochen. Da habe ich das gleiche nochmal durchleben müssen. Ich habe mir gedacht, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch alles sinnlos. Da wollte ich nicht mehr, und am Tag der OP dachte ich, wenn ich jetzt nicht mehr aufwache, ist es ok. Aber ich bin aufgewacht und dann ging’s weiter.
Also ich habe nie aufgegeben, habe mich nie gehen lassen. Es kam auch nie richtig hoch. Ich hatte das Geschehene verdrängt, weil ich wusste, das ist zu viel Schmerz. Wenn der hochkommen würde, könnte ich ihn nicht bewältigen. Also habe ich das verdrängt. Und die Strategie ist manchmal ganz gut. Bis jetzt hat es funktioniert und mich in meinem Leben nur nach vorne gebracht.

Kann es sein, dass Du doch ab und zu ein Stück aus Deiner Verdrängung gegangen bist und etwas aufgearbeitet hast, mit Hilfe Deiner positiven Einstellung zum Leben?

Ja sicher. Ich hatte in der Reha einen guten Physiotherapeuten, der mich mit immer wieder neuen Aufgaben sehr beschäftigt hat, so dass ich mich physisch stabilisiert habe. Du brauchst natürlich lange, lange Zeit um überhaupt zu begreifen, was da passiert ist. Und natürlich gab es auch heimliche Tränen!!! Ich denke, dass das Tanzen, der Sport, Schwimmen, Laufen mein ganzen Leben geprägt und mir viel Kraft gegeben hat. Auch die Situation vor dem Unfall – ich war ja vorher in Russland und habe da ziemliche Extreme erlebt. Du wächst an solchen Aufgaben. Da ich ein Typ bin, der immer nach Lösungen sucht, hat mich diese Einstellung natürlich auch weiter vorangetrieben.

Wie lange liegt der Unfall zurück?

Das sind jetzt 10 Jahre. Ich sitze ja schon sooo lange im Rollstuhl.

Deinen Mann hast Du also erst nach dem Unfall kennengelernt?

Ja, ich lebte zur Zeit des Unfalls in einer WG, in einer Dachgeschosswohnung, also mit ganz vielen Stufen. Die war für mich natürlich nicht mehr erreichbar. Damals schlitterte ich von einer Extremsituation in die nächste. Ich kam aus Russland zurück, wo eine Beziehung kaputt gegangen war und ging erst mal zu meinen Eltern. Nach der gescheiterten Beziehung stand ich vor dem Nichts. Ich hätte in Russland bleiben können, da ich ja einen guten Job hatte, aber ich wollte wieder nach Hause. Russland war für mich allein zu groß. Ich begann Medienwissenschaften zu studieren und zog in die WG. Na und dann passierte mir dieser bekloppte Unfall und ich musste schon wieder von vorne anfangen. Das heißt, vom Krankenhaus aus habe ich mir eine Wohnung gesucht, die einigermaßen zugänglich war. Ich habe das Glück zwei großartige Freundinnen zu haben, die mir während des Krankenhausaufenthalts und der Reha viel Kraft gegeben hatten. Die zwei zogen mit mir zusammen in die Wohnung. Dafür bin ich ihnen auf ewig unglaublich dankbar. Noch vor dem Unfall hatte ich mir einen Hund angeschafft und der hat dann praktisch meinen Mann klar gemacht.

Das möchte ich natürlich genauer wissen!

Ich war gerade auf dem Weg in die Druckerei und mein Hund hat ein Häufchen gemacht. Frauchen musste sich um das Häufchen kümmern und Hündchen ist abgehauen zu einer Gruppe Männer. Christian hat mit ihm gespielt und dann kamen wir miteinander ins Gespräch. Zum Schluss fragte mich Christian, ob ich denn jemanden hätte, der auf mich aufpasst. Ich meinte dann ganz emanzipiert, wie Frau ist, brauch ich nicht, natürlich nicht.. Wir haben uns trotzdem verabredet. 1-Christiane Göldner, Christian Kottwitz

Charli, also mein Hund, war an dem Tag völlig überdreht und zog mich zwei Mal fast aus dem Rollstuhl. Christian war immer genau in dem Moment da und hat mich gerettet. Also er war so was wie der weiße Ritter. Ja und irgendwie hat’s gepasst. Wir haben uns mächtig verliebt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Selbstwertgefühl, das ist ein wichtiges Thema. Man verliert natürlich ‘ne ganze Menge. Wenn Du aus einer Welt kommst, die schönheitsorientiert ist – ich habe mich ja selbst darin bewegt, Sport gemacht und so, wie ‘ne Bekloppte – und dann gehörste plötzlich nicht mehr darein. Was machste da? Da braucht man erst einmal eine Weile um sein Selbstwertgefühl gerade zu rücken und es stellt sich die Frage, was ist schön? Ich war froh, dass Christian keinen großen Wert auf ‘nen wackelnden Hintern gelegt hat. Er hat mich so gesehen, wie ich bin. Er sagte auch, dass er den Rollstuhl gar nicht wahrnahm, als er mich das erste Mal sah. Er sah mich. Was auch ganz spannend ist, Frauen denken, dass man als Frau im Rollstuhl keine Konkurrenz ist, für eine Frau, die läuft. Aber das ist ein oberflächliches Denken. Im Endeffekt strahlt es von innen und es muss natürlich passen. Wenn es Liebe ist, stört auch ein Rollstuhl nicht.

Wie bewegst Du Dich auf der Insel?

Ich hasse es mit dem Bus unterwegs sein zu müssen. Für mich gibt es nur das Auto und damit bin ich komplett selbständig. So bringe ich auch die Kinder zur Schule und hole sie ab. Gott sei dank bin ich noch so stark, dass ich den Rollstuhl selbst ins Auto stellen kann. Es dauert eben alles länger. Du musst für alles, was du machst mehr Zeit einplanen. Das bringt aber auch an gewissen Punkten Ruhe rein. Wenn es nicht anders geht, komme ich eben mal fünf Minuten zu spät. Das ist nicht weiter schlimm.

Du hast Deine Grenzen anerkannt und Frieden damit gemacht?

Ja und Nein. Du musst Kompromisse mit dir selbst finden. Wenn der Körper an gewissen Tagen nicht so will, wie man es gerne hätte, ist man schon frustriert. Aber das darf nie der Fokus werden – Frust! Es ist zum Beispiel so, wenn wir ans Meer fahren, weiß ich, dass ich erst mal nicht an den Strand komme. Da geht Christian alleine mit den Kindern nach Tieren schauen und ich muss warten, aber das ist in Ordnung. Damit habe ich mich arrangiert. Natürlich würde ich auch gerne mal mitlaufen. Das sind halt so Kleinigkeiten. Oder ich meide gewisse Situationen, bei denen meine Jungs in Gefahr kommen und ich dann nicht helfen könnte. Dieses Jahr werde ich das erste Mal alleine mit meinen Kindern fliegen. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Mein Großer hat sehr viel Energie und bei dem Kleinen kündigt sich das jetzt auch schon an. Ja, meine größte Herausforderung sind meine Kinder, aber das ist gut und ich denke jeder anderen Mutter geht es ähnlich.

Hattest Du nach dem Unfall schon alle Funktionen so wie jetzt, oder musstest Du Dir das erst erarbeiten?

Natürlich musst du dir alles erarbeiten. Gut, wenn jetzt was weg ist und nicht mehr wiederkommt, dann ist das so. Ich habe immer die Hoffnung und habe ja auch hart trainiert, aber in dem Sinne kam nichts. Du kannst nur lernen, damit umzugehen und dich selbst zu händeln. Du weißt, wie du die Beine legen musst, wenn du dich in den Rollstuhl setzt oder wie du dich aufrichtest, wenn du vom Bett hochkommen möchtest, wie du ‘ne Hose anziehst, deine Schuhe, die Socken. Das sind Kleinigkeiten, die muss man erst mal lernen. Ich habe Glück, dass mir das jetzt passiert ist und nicht erst, wenn ich achtzig bin oder so. Das wäre ein fürchterliches Problem. Da sind diese ganz alltäglichen Geschichten. Wie transportiert man eine Tasse mit heißem Tee, ohne sich zu verbrühen? Worauf muss man achten? Wenn Du keine Sensibilität mehr hast, ist das eine große Verletzungsgefahr, denn du merkst nicht, wenn du dich irgendwo stößt, schneidest oder verbrennst. Also der Körper ist schon fantastisch, ein Wunder. Mein Körper spricht mit mir. Ich muss nur genau hinhören. Zum Beispiel, wenn ich mich irgendwo gestoßen habe, reagiert der Körper, indem er anfängt zu krampfen. Das ist nicht schön. Du musst lernen, damit umzugehen. 1-Christiane im Rollstuhl Direkt nach dem Unfall war mein Körper in einer Starre. Die ersten sechs bis sieben Wochen passierte gar nichts, keine Reaktion, nichts. Und dann irgendwann fing es an. Die Füße begannen auf Berührung zu reagieren. Es gab wieder einen Muskeltonus. Plötzlich wippte ein Bein durch die Gegend und ich hatte den Gedanken, um Gottes Willen, was kommt jetzt noch? Das erste Mal, als das passierte, bekam ich einen Schreck und dachte, jetzt sitzt du schon im Rollstuhl und nun bekommst du auch noch ‘nen Tattrich. Das Schlimmste ist nicht mal, dass du nicht mehr laufen kannst, sondern der Verlust der Sensibilität, dass du nicht mehr normal auf Toilette gehen kannst, alles was sonst so ganz einfach ist. Die Sexualität ist eingeschränkt, ganz klar. Aber man kann trotzdem guten, ja hammermäßigen Sex haben. Das geht alles. Es geht ja ganz viel über den Kopf, und Frauen haben es da sicher auch einfacher als Männer.

Wie ging das damals für Dich weiter?

Ich bin ja gelernte Grafikdesignerin. Von daher hatte ich enormes Glück, dass ich nicht auf meine Hände gefallen bin oder meinen Kopf. Ich war vorher in Russland und habe in einer großen Agentur als Grafikerin gearbeitet. Als ich wieder zurück kam, begann ich ein Studium der Medienwissenschaften. Dann war der Unfall. Als ich aus der Reha kam, habe ich erst mal weiter studiert. Das war zwar alles nicht so einfach, aber machbar. Dann wurde ich schwanger und bin bis zum 8. Monat mit dickem Bauch und Rollstuhl über das denkmalgeschützte Pflaster vor der Uni geholpert. Als das Kind da war, dachte ich mir, was soll das? Erst hatte ich den Unfall und das Kind braucht auch ca. 1 Jahr meine Zeit und Aufmerksamkeit. Ich mache jetzt einen Cut und höre auf. Nebenbei hatte ich schon immer freiberuflich als Grafikerin gearbeitet und dann eben damit weiter gemacht. Das hat mir auch viel über den Unfall hinweggeholfen. Ich hatte Kunden, die wussten, dass ich gut arbeite – vielleicht wollten sie mir auch nur helfen. Jedenfalls tat mir das gut, weiter im Job zu sein. Danach war der Plan, 3D Animation zu studieren. Ich hatte bereits einen Studienplatz in Berlin, doch je näher der Termin kam, um so mehr Bauchschmerzen bekam ich. Es ging mir dabei nicht um das Studium. Das hätte mir sicher mega viel Spaß bereitet. Das ganze Drumherum machte mir Sorgen. Ich hätte jeden Tag 4 oder 5 Uhr aufstehen müssen. Dann die Fragen, bekomme ich einen Parkplatz, wie komme ich in die Schule rein? Das waren Grenzen, die mir Bauchschmerzen bereiteten. So nahm ich davon Abstand. Und dann sind wir ausgewandert.

Weshalb seid Ihr ausgewandert und warum nach Lanzarote?

Der Grund für die Auswanderung war eigentlich meine Situation im Rollstuhl. Kälte, Nässe, Schnee und Wind in Deutschland zwingen dich zu Hause zu bleiben. In bin ein Typ, der gerne raus geht, in der Natur ist. Und ich wollte das auch meinen Kindern geben. Lanzarote kam uns vom Klima her entgegen. Außerdem hatte ich Kontakt zu jemanden, der Handbikes verkauft. Auf Lanzarote finden regelmäßig Rennen für Menschen mit Behinderung statt und viele trainieren dort regelmäßig für die Paralympics bzw. für die wichtigen Marathons. Die Insel war also bekannt unter Rollstuhlfahrern. Das erschien mir eine gute Ausgangssituation zu sein. Wir sind dann her geflogen, haben uns umgeschaut und in die Insel verliebt. Hier wollten wir es probieren. Es war viel Bürokratie zu erledigen und wir mussten uns durchbeißen. Also wenn man denkt, man wandert aus und die Welt ist rosarot, das funktioniert nicht. Durch meine Zeit in Russland wusste ich das aber schon. Es war so anstrengend, wie alles, das man neu anfängt. Dadurch lernt man aber auch flexibel zu sein. Ohne Christian würde meine Welt natürlich ganz anders aussehen. Ich wäre ein ganzes Stück eingeschränkter. Er gibt mir Sicherheit, auch weil er ganz normal mit mir umgeht.

Wie gehen die Menschen hier mit Dir um?

Ich fühle mich hier auf der Insel und mit meinem Mann nicht behindert. Also die Leute hier gehen komplett anders mit mir um, als die Leute in Deutschland. Hier werde ich ganz normal behandelt, aber vielleicht empfinde ich inzwischen anders, weil mein Selbstbewusstsein mit der Zeit wieder gewachsen ist. In Deutschland stand mal jemand neben mir beim Bäcker und brüllte mich an, weil er wohl dachte, dass ich auch taub sei. Oder ich war mit Moritz beim Kinderarzt, komme raus und da läuft ein älterer Mann am Auto vorbei, schüttelt den Kopf wie verrückt und meint, auch das noch! Der hatte ein Problem damit, dass eine Rollstuhlfarerin ein Kind hat. Hier sind die Leute positiv überrascht, dass eine Rollstuhlfahrerin Kinder hat. Das Miteinander der Menschen ist im allgemeinen sozialer und freundlicher. So sind auch die alten Menschen Teil Ihrer Familien, was man in Deutschland nur noch selten findet.

Würdest Du diesen Schritt, nach Lanzarote auszuwandern noch einmal gehen?

Ja, jeder Zeit. Also ich möchte nicht mehr zurück.

Gibt es irgend etwas in Deinem Leben, dass Du jetzt anders machen würdest, wenn das möglich wäre?

Ich würde viele Dinge anders machen, würde bedachter an gewisse Dinge herangehen. Mit Sicherheit würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich an diesem Tag zum Klettern gegangen wäre oder nicht – ganz klar. Aber wenn mir jetzt jemand die Frage stellen würde, würdest Du Deine Kinder gegen Dein eigenes Schicksal tauschen, würde ich „nein“ sagen. Letzten Endes sind sie das größere Geschenk. Guck mal, vorher hatte ich keine Familie, vorher hatte ich keinen zuverlässigen Partner. Das wurde mir alles geschickt. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn ich das manchmal nicht so zeige, weil ich teilweise ganz schön barsch bin. Das liegt aber daran, dass ich irgendwie stark sein muss. Wenn du von dir selbst immer viel forderst, erwartest du das auch manchmal von deinen Mitmenschen.

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

Das kann ich so schnell gar nicht beantworten. Da fällt mir jetzt nichts ein. Aber ich würde gerne noch etwas sagen, das mir am Herzen liegt.
Campo Phoenix ist eine Einstellung zum Leben. Darum haben wir den Slogan „Life keeps rolling on“ gewählt. Das ist ein Sinnbild für unsere Einstellung und somit für unser Unternehmen – etwas, das wir unseren Kunden weitergeben möchten. Ein bisschen mehr Wahrnehmung zu den Dingen hin und zu sich selbst. LIEBE zum Leben, mit den Möglichkeiten die man hat. 524312_487373207956841_771984892_n Und ebenso wollen wir Nähe zu dieser wunderschönen, einzigartigen Landschaft Lanzarotes mit seinen Vulkanen schaffen. Die Menschen in Staunen und Begeisterung versetzen für die Andersartigkeit dieser Schönheit. Nähe schaffen wo vorher keine war.

Hier geht es zur Internetseite von Campo Phoenix.

 

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Ein Musical „BurnOut“ – geht das?

Burnout, Musical, Logo

 

Bei einer Veranstaltung der Deutschen Musical Akademie lernte ich Sabine Haydn kennen.
Ich erfuhr, dass sie ein Musical zum Thema Burnout geschrieben hat, das demnächst wieder in Berlin aufgeführt wird. Das machte mich neugierig und ich bat sie um ein Interview.

 

 

Wie bist Du dazu gekommen, ein Musical über das Thema Burnout zu schreiben?

Ich arbeitete zu der Zeit in einer Werbeagentur, einem klassischen Umfeld für Burnout. Einige meiner Kollegen waren auch betroffen. Sie standen unter einem enormen Druck. Es wird kontrolliert und ausgewertet, wieviel Zeit du zur Bearbeitung einer Aufgabe brauchst. Kreativität geht aber nicht auf Knopfdruck. Du hast mal bessere und mal schlechtere Tage. Dazu kam, durch den Zeitdruck bedingt, ein oft rauer Umgangston. Es hat mich sehr berührt und beschäftigt, wie schlecht es den Leuten geht, die das Burnout-Syndrom haben. Jemand der das nicht kennt, kann sich das nicht vorstellen. Es war erschreckend zu sehen, wie sie sich veränderten, wie sich rein äußerlich ihre Hautfarbe änderte. Die wird grau. Sie sind oft ganz nahe am Selbstmord. Das Schlimme ist, sie können nicht einfach aus der Situation heraus. Sie müssen ja Geld für den Lebensunterhalt verdienen. Und sie können auch nicht einfach gehen und sich woanders bewerben. Das funktioniert nicht, weil sie sich so wertlos fühlen. Wie sollen sie da einen Arbeitgeber davon überzeugen, dass der sie haben will? Ich hatte das immer vor Augen, aber ich habe mitbekommen, dass das Burnout-Syndrom auch etwas Gutes hatte. Es zwang die Leute dazu, sich in Therapie zu begeben, sich mit sich selbst und ihrem Leben zu beschäftigen, ihr Leben zu hinterfragen. Das führte meist dazu, dass sie gekündigt haben. Und sie suchten sich eine andere Arbeit oder gingen in die Selbständigkeit.

Hast Du den Burnout bei Deinen Kollegen mitbekommen und gedacht, darüber schreibe ich ein Musical oder hast Du ein Thema für ein Musical gesucht und bist so darauf gekommen?

Wahrscheinlich sowohl als auch. Gerade als ich die Idee hatte, ein Musical zu schreiben, erzählte mir ein Freund, dass er sich selbständig Musical, Burnoutgemacht hat. Und dass er jetzt endlich glücklich ist und froh, aus dem ganzen Agenturalltag raus zu sein. Bei einem Musical sollte man ja immer sehen, dass man eine Geschichte findet, die größer als das Leben ist, also etwas, das lohnend ist, dass man es erzählt. Und genau das habe ich darin gesehen. Denn wenn das nicht erzählenswert ist, dass hinter einer schweren Krankheit so ein schönes Ende stecken kann, was dann? Man muss sehr hart an sich arbeiten und Hilfe akzeptieren, aber das Ende ist selbstbestimmt und positiv. Eigentlich ist das perfekt.

Wie hast Du Dir das nötige Wissen für das Thema angeeignet?

Ich habe vier Jahre an dem Stück gearbeitet. Es gab viele Gespräche mit betroffenen Freunden und Bekannten. Sie waren unglaublich offen zu mir, selbst als sie wussten, dass es mir um Recherche für das Stück geht. Weiterhin habe ich Artikel zum Thema gelesen. Ganz wichtig, zum Schluss bin ich das komplette Stück mit einem Psychologen durchgegangen. Er stand mir an vielen Stellen noch einmal im Detail beratend zu Seite. Später kam noch unerwartete Unterstützung hinzu. Was ich nicht wusste, unser Hauptdarsteller hatte selbst ein Burnout-Syndrom durchlebt. Somit konnte er in vielen Momenten und Situationen beraten, auftretende Fragen beantworten und auf wichtige Dinge aufmerksam machen.

Hatte die Arbeit an dem Stück vielleicht auch einen Einfluss darauf, dass Du dann in der Werbeagentur aufgehört hast?

Nein, ich habe aufgehört, weil ich in die Selbständigkeit ging und keine Zeit mehr hatte, in der Agentur zu arbeiten. Ich habe immer versucht meine Dinge, die ich geschrieben habe, irgendwie an den Mann zu bringen. Um mir den finanziellen Freiraum zu schenken, an Konzepten zu arbeiten, habe ich nebenher in der Agentur gearbeitet. Es war aber nie mein Lebensziel in einer Agentur zu sein und zu bleiben. Ich glaube, wenn du von vielen Leuten umgeben bist, die versuchen, ihre Träume zu verwirklichen, dann ist es auch leichter solche Schritte zu gehen.

Wo liegen für Dich Sinn und Zweck des Musicals „BurnOut“?

Sinn und Zweck ist für mich, dass die Menschen anders raus gehen als sie rein gegangen sind. Und das bekomme ich jetzt bestätigt. Das bezieht sich natürlich auch darauf, dass der Hauptzweck eines Musicals ist, dass man einen schönen Abend hat. Das setze ich jetzt mal voraus. Ich würde nicht wollen, dass die Leute in ein Stück gehen und hinterher Suizidgedanken haben. Sie müssen unterhalten werden und das tun wir. Wir haben viele Momente, wo man lachen kann. Es gibt viele Momente mit einfach nur schöner Musik. Entscheidend ist für mich, dass es auch ganz viele Momente gibt, wo die Leute anfangen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Das kann sein, weil sie sich in Situationen wiedererkennen oder weil sie auf eine Thematik aufmerksam werden, die ihnen vorher vielleicht gar nicht bewusst war.

Denkst Du, dass Du mit „BurnOut“ bei den Menschen, die das Musical sehen, etwas bewirken kannst?

Ich hoffe es! Genau das ist das Ziel. Den Menschen, die nicht betroffen sind, zu zeigen, wie schlimm das Burnout-Syndrom tatsächlich ist, damit diese Krankheit ernster genommen wird. Und denen, die betroffen sind, Hoffnung zu geben und den Glauben daran, dass es hinterher wieder gut, wenn nicht noch besser wird. Wenn man nur ein paar Menschen Hoffnung geben kann, dann ist schon ganz viel erreicht. Ich bin sehr dankbar für das Feedback, das ich nach den ersten Aufführungen bekommen habe. So haben mir Leute mitgeteilt, dass sie nach dem Besuch des Musicals lange darüber nachdenken mussten. Ich erhielt E-Mails, in denen mir Leute schrieben dass sie durch das Stück erkannten, wie schlecht es ihnen eigentlich geht und sich in Therapie begeben haben. Und dass sie dankbar für den Anstoß sind, den sie von dem Stück bekommen haben. Wenn ein Stück so etwas auslösen kann, dann ist das großartig. Das ist mehr, als ich erwarten konnte.

Was denkst Du, ist die Ursache dafür, dass in unserer Gesellschaft Burnout immer häufiger auftritt?

Ich glaube, weil der Mensch immer weniger als Mensch gesehen wird. Menschen haben nur noch zu funktionieren. Es geht nicht mehr darum, ob 1-Foto von Karsten Noacketwas einem gut tut oder man sich wohlfühlt. Es wird geschaut, wo Zeit optimiert, wo etwas eingespart werden kann, damit es günstiger wird. Und das ist eben Arbeitszeit. Menschen kosten einfach viel. Die Firmen schauen, wo sie streichen können, so dass Pausen gekürzt werden oder dass es keine Aufenthaltsräume für Mitarbeiter mehr gibt, wo sie einfach mal zusammen kommen und einen Kaffee trinken können. Das sind alles so Sachen, die dazu führen, dass man aufhört sich wohlzufühlen, wenn man arbeitet. Dazu kommt, dass sich viele Menschen nicht mehr darüber bewusst sind, was Worte auslösen können. D.h., wenn ich jetzt als Chef irgendwelche herablassenden Bemerkungen zu einem Mitarbeiter mache, dann mag ich das vielleicht als nicht weiter schlimm ansehen. Der Mitarbeiter aber empfindet es als ganz schrecklich. Er hat vielleicht gerade mit privaten oder gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, hat Angst arbeitslos zu werden und ist dadurch viel empfindlicher, als man erwartet. Man sieht ja nie in einen Kopf hinein, weiß nie, was derjenige gerade erlebt hat. Deswegen ist es wichtig, auf die Worte, die man nutzt, aufzupassen. Worte können mindestens ebenso verletzen wie Waffen.

Was möchtest Du in dem Zusammenhang Menschen raten?

Egoismus ist ja immer etwas verpönt, aber ich glaube, ein gesunder Egoismus ist sehr wichtig. Man muss also schauen, dass es einem gut geht, sonst kann man auch nicht im Sinne von anderen Menschen funktionieren. Ich hatte jetzt gerade ein langes Gespräch mit einem für mich sehr wertvollen Menschen. Das Thema war: Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, wie kannst du dann von anderen Menschen erwarten, dass die dich lieben? Ich glaube, genau darum geht es. Man muss sich um sich selbst kümmern, sich selbst lieben. Wenn man sich selbst mit seinen Wünschen und seinen Emotionen wahrnimmt, kann man auch auf andere Menschen zugehen und denen was abgeben. Ich finde es ganz wichtig, zu fragen: Fühle ich mich wohl? Fühle ich mich mit mir selbst wohl? Was kann ich tun, damit ich mich wohlfühle? Und dann muss ich diesen Egoismus auch leben und vielleicht auch mal sagen, stopp – hier war eine Grenze, die wurde gerade überschritten. Oder dass ich mir so ganz banale Sachen wie einen Spaziergang gönne, mir die Zeit dafür frei schaufle. Das ist nicht immer einfach, gerade wenn man Kinder hat. Es ist wichtig, den Körper wieder wahrzunehmen. Wir Erwachsenen verlieren das meistens. Man kann das an Kindern so schön sehen. Die essen nur, wenn sie Hunger haben und die bewegen sich, wenn ihnen danach ist. Es ist essentiell, dass man wieder zu sich steht und auf sich achtet.

Du hattest letztes Jahr einige Tage in einem Kloster verbracht. Wie war das für Dich?

Mit der Uraufführung von „Burnout“ hatte ich mir einen lang gehegten, unfassbar großen Traum erfüllt. Die Umsetzung so eines Projektes hat positive, aber auch negative Seiten. Es ist nicht immer einfach, damit klar zu kommen. Und so kam es, dass ich letztes Jahr im Sommer das starke Bedürfnis spürte, ein paar Tage nur für mich zu haben. Da sind wir jetzt wieder bei dem Egoismus. Ich wollte raus aus meiner Familie und raus aus dem ganzen Berufsleben. Ich wollte weder Handy noch Internet haben. Ich brauchte einfach etwas Ruhe und Zeit für mich. Meine Wahl fiel auf ein Kloster. Ich hatte einen Bericht über den Aufenthalt Christine Westermanns in einem Kloster gesehen. Sie hatte sich schwer getan, mit der Stille und dem Alleinsein, aber das war genau das, was ich wollte – diese Grenze überschreiten. Ich wollte einfach mal nichts haben. Heute ist das ja schwierig, ohne Handy zu sein, nicht erreichbar. Da ich seit gut einem Jahr Chi Gong mache, habe ich mir ein Kloster in der Nähe von Hamburg ausgesucht, in dem ich auch die Möglichkeit dazu hatte. Chi Gong bringt mir sehr viel Kraft und Energie. Ich war dann fünf Tage in dem Kloster und es hätten gut noch zwei Tage mehr sein können. Ich habe mich dort wirklich aufgehoben, zu Hause gefühlt. Die Leute waren unglaublich nett. Was mich sehr beeindruckte – es gab dort einen Klosterladen, in dem man absolut hochwertige Sachen, von Kerzen über Bücher bis hin zu Schokolade, kaufen konnte. In diesem Laden war keiner. Da lag nur ein Holzbrett und wenn man sich etwas gekauft hatte, legte man den Betrag dafür auf dieses Brett. Das war die Kasse des Vertrauens. Ich fand das so schön! Dieser Name, Kasse des Vertrauens und dazu das Bild eines Orts, wo Menschen einander so sehr vertrauen. Es war schön, von Menschen umgeben zu sein, die alle dasselbe wollen. Es herrschte das positive Gefühl – wir sind alle gut füreinander. In der Chi Gong Gruppe waren wir 10 Leute. Jeder hatte sein eigenes Leben und seine eigenen Probleme mitgebracht, aber wir waren uns darin einig, die nächsten Tage dafür zu nutzen, an uns zu arbeiten. Ich dachte, wie kann es sein, dass völlig fremde Menschen so respektvoll miteinander umgehen? Und an anderen Stellen gibt es Menschen, die sich eigentlich gut kennen, die an einem Projekt zusammen arbeiten, aber es nicht schaffen, respektvoll, glücklich und zufrieden miteinander umzugehen. Diese Zeit im Kloster hat mir gezeigt, wie friedlich ein Miteinander sein kann, wenn sich Menschen mit Respekt begegnen. Das ist so wichtig. Es gibt ein gutes Gefühl, weil man sich wertvoller, wertgeschätzter sieht. Genauso empfinde ich Offenheit und Aufeinander-Zugehen als sehr wichtig in der heutigen Zeit. Neben der Hochzeit und der Geburt meiner Kinder zählt die Zeit im Kloster zum Schönsten, was ich bisher erleben durfte.

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

(lacht) Jetzt überforderst du mich etwas.

Ich mache es Dir einfacher. Gibt es etwas, das Du noch gerne erzählen möchtest?

Als ich sagte, dass ich ein Stück machen werde, das „BurnOut“ heißen wird, war die Reaktion vieler Menschen, nahezu aller: „Um Gottes willen, wie kannst Du so etwas nur tun! Da wird ja nie einer reingehen und sich das angucken!“ „Das wird nicht funktionieren. Wer möchte sich denn mit so etwas auseinandersetzen.“ Ich war sehr dankbar, dass zumindest Jens (der Komponist des Musicals, Jens Uhlenhoff) sofort an den Inhalt, den Titel und das Stück geglaubt hat. Bis heute führe ich noch immer viele Diskussionen bezüglich des Titels. Vielleicht haben die Leute auch Recht und vielleicht hätten wir mehr Zuschauer, wenn der Titel „Bunter Schmetterling, Himmel, Larifari“ wäre. Aber ich finde ihn nach wie vor gut, und jeder, der in der Show war, weiß, dass mehr als Burnout drin ist. Manche reagierten zuerst mit: „Musical mag ich nicht.“ Die, die dann trotzdem in der Show waren, weil sie einen von uns kennen, waren hinterher vollkommen erstaunt darüber. Einer der häufigsten Kommentare war: „Ich wusste gar nicht, dass Musical das kann.“ Daher wünsche ich mir von Menschen mehr Offenheit gegenüber Ideen, Projekten, Kunst und vor allem gegenüber anderen Menschen.

 

Sabine Haydn, Musical, Musical Burnout

Sabine Haydn studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien und schloss an der University of California, Los Angeles ein Drehbuchstudium ab. Neben ihrer Tätigkeit als Texterin / Konzepterin für eine Werbeagentur entwickelte sie Konzepte für den ORF.
Heute lebt sie in Berlin und ist Inhaberin der Firma SH Produktionen.
2015 wurde ihr Musical „BurnOut“ uraufgeführt. Ein weiteres Musical „Kann den Liebe Sünde sein“ wartet noch auf seine Premiere.

 

Szenenfotos: Karsten Noack

Internetseite des Musicals „BurnOut“

 

Ein tibetisches Märchen

Dieses tibetische Märchen ist so schön, dass ich es mit Euch teilen möchte.
Teilt es gerne weiter – für Liebe und Mitgefühl.

Liebe und Herzlichkeit zwischen den Menschen.

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in einer Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler an ihm. Ja, sie alle gaben ihm recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte lauter über sein schönes Herz.
Da schritt ein alter Mann vor die Menge und sprach: „Dein Herz ist wirklich schön, aber es ist nicht annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben. Es hatte Stellen, an denen Stücke entfernt und durch andere ersetzt waren, aber diese passen nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ränder. An anderen Stellen waren tiefe Furchen und es fehlten ganze Teile.
Die Leute starrten ihn an. Wie konnte er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie? Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte. „Du musst scherzen“, sagte er. „Dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“ „Ja“, sagte der alte Mann. „Deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, für die leere Stelle meines Herzens. Aber weil die Stücke nicht genau passen, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“
Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten, jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen dar. Der nahm es an und setzte es in sein Herz. Dann nahm er ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herz. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.

Verfasser unbekannt

Mein langer Weg zum Gesang

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Ich stelle immer wieder fest, dass Menschen irritiert sind, weil ich in keine Schublade passe. All meine Tätigkeiten haben sich im Verlauf der Zeit ergeben. Sie sind Teil meiner Persönlichkeit, gehen zusammen oder ergänzen sich. Alle Teile sind wie ein Puzzle, das jetzt ein sinnvolles Bild ergibt. Inzwischen erkennen auch andere den Wert dieser Vielseitigkeit.
Damit es für Euch nachvollziehbar ist, habe ich auf Facebook angefangen, darüber zu schreiben, wie ich zu den verschiedenen Tätigkeiten kam. Die Beiträge über Tanz und meine Arbeit als Make-up Artist/ Stylist sind nur in Facebook zu lesen, weil Kenntnisse aus diesen Bereichen zwar in meine Arbeit mit Menschen einfließen, aber nicht unmittelbar Bestandteil von KORIS – soulART sind. Hier beginne ich mit GESANG.

Bereits als Teenager habe ich gerne gesungen. Meist waren es Titel von Marianne Rosenberg, die ich mit Inbrunst in den Tag schmetterte. Anfang der 80iger wollte ich an der Musikschule, ich wohnte damals in Frankfurt (Oder), Gesangsunterricht nehmen. Ich sang vor und wurde mit der Begründung, ich hätte einen Stimmdefekt, abgewiesen. Das war es dann erstmal. Mitte der 90iger ging es mir mental nicht gut. Als Gegenmittel erfüllte ich mir einen lang gehegten Wunsch und nahm an einem 14tägigen Musical-Workshop an der Stage School Hamburg teil. Am ersten Tag wurden die Teilnehmer, nach Vorsingen, -sprechen und –tanzen, in drei Leistungsgruppen eingeteilt. Im Tanz war ich geübt, aber in Schauspiel und Gesang hatte ich noch nie Unterricht. Ich konnte es kaum fassen, dass ich zusammen mit Leuten, die ich beim Vorsingen bewundert hatte, in die Gruppe mit dem höchsten Leistungsniveau kam. Dann wurde ich auch noch von unserem Gesangsdozenten John Lehman ausgewählt, zur Abschlussveranstaltung solistisch zu singen. Als Tänzerin war mir die Bühne vertraut, aber würde ich in der Aufregung auch meine Stimme beherrschen können? Ich konnte. Im voll besetzten Amerikahaus sang ich Fräulein Schneiders „Na und“ aus „Cabaret“ und ein kleines Solo in einer Gruppenszene aus „Pippin“. Das war eine bahnbrechende Erfahrung für mich. Ich hatte das erste Mal allein auf einer Bühne vor vielen Menschen gesungen – ohne Mikro, nur mit Klavierbegleitung. Nach der Vorstellung kam John zu mir und sagte, ich solle unbedingt weiter machen. Ich war überglücklich. Doch es war kein geeigneter Lehrer in der Nähe und ich hatte ja einen Job, der mich stark in Anspruch nahm und das Tanzen. Das war es dann erstmal wieder.
Vier Jahre später riss mir das Schicksal komplett den Boden unter den Füßen weg. Mein Mann starb kurz nach einem gemeinsamen Arbeitsaufenthalt in Westafrika. Ich konnte mich nicht von ihm verabschieden, da er unter Ebolaverdacht auf der Isolierstation des Virchow Klinikums in Berlin lag. Ich musste auf unserem Bauernhof in der Nähe von Frankfurt (Oder) bleiben und hätte auch gar nicht die Kraft gehabt, nach Berlin zu fahren, denn ein Horrortrip lag hinter mir, und ich war am Ende meiner Kräfte. Trotzdem hatte ich Schuldgefühle, weil ich nicht bei meinem Mann war, als es ihm schlecht ging und er nur noch von Kunststoff und Menschen in Schutzanzügen umgeben war. Ich begann, mir meine Gefühle vom Herzen zu schreiben.
1-ullmann_coverIn Folge entschloss ich mich, dieses Herzblut zu Songtexten zu verarbeiten und für meinen Mann eine CD aufzunehmen. Es fügte sich, dass nun John Lehman regelmäßig in Berlin unterrichtete. So oft es mir möglich war, fuhr ich zum Gesangsunterricht. Jetzt hatte ich ein Ziel. Ich übte, textete, befasste mich mit Musikrecht, GEMA und CD-Herstellung, überwand Tränen und den Kloß im Hals beim Singen, suchte und fand Komponisten und Produzenten. 2006, nach sechs Jahren Arbeit, hielt ich endlich, die unter eigenem Label produzierte CD „Geschichten einer Liebe“ in Händen. Der Weg dorthin war mein ganz persönlicher Jakobsweg, auf dem ich etliche Widerstände und Hürden überwinden musste. Ohne die Liebe in meinem Herzen und den Willen, meinem verstorbenen Mann ein Geschenk zu machen, hätte ich das sicher nicht geschafft. Das Anschauen und in Worte fassen meiner Gefühle, sowie den nötigen Abstand gewinnen, um die Lieder singen zu können, war ein Stück Verarbeitung der traumatischen Ereignisse im Sommer 1999.
Eigentlich wollte ich nur diese CD aufnehmen, doch ich bemerkte, dass sich beim Singen mein Herz öffnete und ich Menschen berühren konnte. Ich blieb dabei. Mein Mann beschenkte somit auch mich. Er brachte mich dazu, endlich das zu tun, was ich schon immer wollte, mich aber vorher nie mit dieser Konsequenz traute.

„Es geht weiter“ von der CD „Geschichten einer Liebe

Von der Modebranche in die Bahnhofsmission

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Im Mai diesen Jahres war ich das erste Mal mit einem Filmteam* in der Berliner Bahnhofsmission am Zoo.
Alle angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiter versammelten sich zu einer Besprechung um einen großen Tisch. Sie fiel mir sofort auf, als sie den Raum betrat. Shiva Baberowski, eine zierliche, attraktive Frau mit dunkel glänzenden Augen. Ihr Gesicht strahlte freundliche Gelassenheit aus. Solch eine Frau hätte ich wohl eher in einer Boutique als in einer Bahnhofsmission erwartet. Ich wollte mehr über sie wissen, warum sie hier arbeitet.
Es verging einige Zeit, bis wir einen gemeinsam freien Termin fanden, doch nun empfängt Sie mich mit einem freundlichen Lächeln in ihrer geschmackvoll, klar eingerichteten Wohnung. In den Räumen stehen Blumen, die sie selbst kunstvoll arrangierte. Sie scheint etwas verlegen. Ich merke, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt steht und bin froh, dass sie einem Interview zugestimmt hat.

Dein Name ist Shiva. Das ist kein deutscher Name. Woher kommst du?

Ich bin im Iran geboren und gehöre einer nationalen Minderheit, den türkischen Aserbaidschanern an. Nordaserbaidschan gehörte früher zur Sowjetunion und ist jetzt eine autonome Republik. Meine Muttersprache ist Aserbaidschanisch und meine zweite Sprache Persisch.

Wie lange lebst du schon in Deutschland?

Seit etwa 30 Jahren. Davor war ich mit Unterbrechungen im Iran und in Amerika. Ich kam nach Deutschland, um hier zu studieren. Im Iran war mir das damals nicht möglich.

Was hast du studiert?

Ich wollte Architektur oder Design studieren. Aber der Zufall wollte es, dass ich meinen Mann kennen lernte. Er studierte zu der Zeit in Göttingen. Für mein Studium hätte ich in eine andere Stadt gehen müssen. Das wollte ich nicht. Darum habe ich mit Mathematik und Anglistik angefangen. In der Schule mochte ich Mathematik, aber nach einem Semester stellte ich fest, dass es nicht meine Sache ist und wechselte zu den Wirtschaftswissenschaften. Das Studium schloss ich dann auch ab.

Wie ging es nach dem Studium beruflich weiter?

Ich habe in der Modebranche gearbeitet. Das ergab sich ganz zufällig.
Ich ging in ein Geschäft, um Schuhe für meinen Mann zu kaufen. Die Geschäftsführerin bewunderte meine Kleidung und fragte nach der Marke. Ich sagte, dass ich die Sachen selbst genäht hätte, dass ich Hobbyschneiderin sei. Sie war begeistert und bot mir an, bei Ihr zu arbeiten. Nach einem Termin bei ihrem Bruder, dem die Bekleidungsfirma gehörte, wurde ich eingestellt. Es wäre mir nie eingefallen, in einem Modeunternehmen zu arbeiten. Ich hatte mich bei diversen Banken und Behörden beworben. In der Modebrache brauchte man eigentlich immer Zertifikate, Abschlüsse von einer Modeschule. Umso glücklicher war ich, ohne einen derartigen Abschluss eine Chance zu bekommen. Ich begann im Büro und als man sah, dass ich Potential hatte, übertrug man mir immer mehr Aufgaben. Letztendlich habe ich alles gemacht, vom Einkauf über Design bis zur Qualitätsprüfung. Es hat mir viel Spaß bereitet und es war eine schöne Zeit.

Was hast du designt?

Alles, was die Firma produzierte. Als ich anfing, hatten wir nur Herrenmode, allerdings das gesamte Spektrum. Das umfasste alles, von Hemden über Anzüge bis hin zu Schuhen. Durch meine selbst entworfenen Sachen hatte ich Aufmerksamkeit erregt und man kam auf die Idee, auch eine Frauenlinie zu entwickeln. Nach ein paar Jahren fingen wir damit an. Das Produktspektrum war hier nicht so breit wie bei den Herren, aber es war hochwertige Businessgarderobe für Frauen, die auf Qualität Wert legen. Die Sachen kamen sehr gut an.

War das eine deutsche Firma?

Die Firma war in Deutschland ansässig, aber der Inhaber war ein Franzose.
Es wurde in Italien und Portugal produziert und ich war für die Qualitätskontrolle viel in diesen Ländern unterwegs.

Wie lange hast du das gemacht?

Von 1995 bis 2002 war ich bei der Firma angestellt. Dann kam ich nach Berlin, weil mein Mann hier eine Stelle bekam. Ich habe selbständig weiter für die Firma gearbeitet. Wenn die Firma mich vor Ort brauchte, besonders wenn neue Kollektionen anstanden, bin ich hingefahren. Aber hauptsächlich habe ich von Berlin aus gearbeitet.
Mein Arbeitsgebiet beschränkte sich dann auf Modellentwicklung und Qualitätskontrolle, weil die anderen Arbeiten, wie Stoffauswahl von hier aus nicht mehr möglich waren. Dafür muss man eng mit dem Kollektiv zusammen arbeiten.

1-DSC08172-001Jetzt arbeitest Du in der Bahnhofsmission am Zoo, kümmerst Dich um Obdachlose. Wie kommst du nach all dem, was du getan hast, dort hin?

Dadurch, dass ich nicht mehr so intensiv gearbeitet habe, hatte ich Zeit, etwas anderes zu tun. Und nach so vielen Jahren Arbeit für den schönen Schein hatte ich das Bedürfnis nach Veränderung. Ich spürte den Drang etwas gänzlich anderes zu machen, als bisher. Von Natur aus bin ich sozial eingestellt und dachte, ich muss etwas Sinnvolleres tun, als nur lesen, Musik hören oder schneidern. Den Wunsch hatte ich schon immer. Es war der richtige Zeitpunkt, das auch anzugehen. Ich hatte mich an verschiedenen Stellen für ein Ehrenamt beworben, auch am Hauptbahnhof, hörte aber nichts. Ich wunderte mich, dass keiner antwortete. So bin ich eines Tages persönlich zum Hauptbahnhof gegangen und habe mit der zuständigen Person gesprochen. Das Ergebnis war, dass ich eine Zeit lang ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof arbeitete. Aber dort war man damals mehr auf Reisende und Kids on tour fokussiert. Mir war es mehr nach der anderen Seite des Lebens, auch eine Frage der Selbsterkundung. Ich hatte immer Berührungsängste, vielleicht auch Vorbehalte gegenüber Obdachlosen. Ich will den Begriff Penner nicht benutzen, weil mir das zu billig ist, zu profan. Es behagt mir nicht, aber ich hatte Probleme mit Obdachlosen. Insgeheim sagt man sich, wenn man will, kann man es ändern. Jeder kann in seinem Leben etwas ändern. Nun war für mich die Zeit, da rauf zu schauen und mit den Berührungsängsten abzuschließen. Ich sagte mir, entweder wird deine Meinung bestätigt oder du musst sie revidieren. Also der Hauptbahnhof war nicht das, was ich wollte. Wieder half der Zufall. Ich begleitete einen Kollegen. Wir wollten Spenden in der Mission am Bahnhof Zoo abgeben. Ich habe den Betrieb gesehen, diese Atmosphäre gespürt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich dachte, da möchtest du hin. Ich habe dann mit dem Leiter vom Hauptbahnhof gesprochen, ob ich wechseln könne. Das ging. Ich fing am Zoo an, ehrenamtlich zu arbeiten. Am Anfang wollte ich nur einen Tag in der Woche arbeiten. Daraus wurden 3 und 4 und bei Bedarf ging ich noch häufiger hin. Es hat mir so viel Spaß gemacht. Das Miteinander der Kollegen und die Wärme, die man von den Gästen entgegengebracht bekam waren sehr beglückend. Das hat mich umgehauen. Ich spürte den starken Wunsch im sozialen Bereich tätig zu sein und erkundigte mich bei einem Kollegen, ob das möglich wäre, ob er da eine Stelle wüsste. Er hatte dann wohl auch mit Dieter Puhl, dem Leiter der Bahnhofsmission am Zoo darüber gesprochen. Und wieder zufällig wurde eine Stelle frei. So kam ich dazu, dort zu arbeiten. Die Arbeit bereitet mir so viel Freude, dass ich mit keiner anderen Stelle tauschen würde. Auch wenn es manchmal sehr nervenaufreibend oder körperlich anstrengend ist, kann ich mir keine schönere Arbeit vorstellen.

Was würdest du gerne mal gefragt werden?

(lacht) Gar nichts. Ich denke darüber nicht nach.

Gibt es etwas, das du gerne mitteilen würdest?

Dass die Leute den Mut haben sollen, sich zu engagieren, etwas zu tun, etwas Neues auszuprobieren. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erzähle, dass ich bei der Bahnhofsmission arbeite, geht bei denen die Kinnlade runter: „Was du? Das hätten wir von dir wirklich nicht erwartet!“ Wenn man sich den Schritt zu unbekannten Ufern traut, einfach mal etwas ausprobiert, kann das die Sichtweise völlig verändern. Sich sozial zu engagieren gibt einem so viel, dass man nach der Arbeit wirklich beseelt nach Hause geht.
*Artrejo cinemaz production dreht derzeit einen Film über Obdachlose in Berlin. Damit sollen Menschen auf das Thema aufmerksam gemacht und sensibilisiert werden, hinzuschauen, zu hinterfragen und zu helfen. Ich bin glücklich, Teil des Teams zu sein.

Das Blumenmädchen

 

Bereits 2012 schrieb ich „Das Blumenmädchen“. Seit dem lag es, zusammen mit anderen Märchen, in der Schublade, um irgendwann in einem, meinem Märchenbuch veröffentlicht zu werden. Doch nun erhielt ich den Impuls, es loszulassen, so dass es seine Leser finden kann. Es ist wie mit geliebten Kindern. Auch die muss man eines Tages frei geben. Ich wünsche Euch viel Freude beim Lesen.

 

DAS BLUMENMÄDCHEN – ein Märchen von Kordula Ullmann

Es war einmal ein Blumenmädchen Namens Rosalie, das lebte in einem kleinen Häuschen inmitten eines großen Gartens. In dem Garten wuchsen wunderschöne Blumen in allen Farben, die sich wohl nur die Natur ausdenken kann. Jeden Morgen ging Rosalie in den Garten, begrüßte die Blumen, wählte einige von ihnen aus und band sie zu prächtigen Sträußen. Diese brachte sie auf den Markt. Es dauerte nicht lange und sie hatte alle Sträuße verkauft. Von dem Erlös konnte sie bescheiden, aber gut leben. Eines Tages, mitten im Sommer, in der schönsten Blumenzeit, zog ein schweres Unwetter über das Land. Regen und Sturm verwüsteten den Garten. Sie rissen die Blätter der Rosenblüten aus, knickten die Stängel der Sonnenblumen, spülten Wurzeln aus der Erde und bedeckten alle Blumen mit Schlamm. Der ehemals farbenprächtige Garten sah braun und trostlos aus. Rosalie war verzweifelt und weinte sieben Tage und sieben Nächte lang dicke Tränen. Nicht nur, dass ihr die Blumen fehlten, sie wusste auch nicht, wie sie weiter leben, wovon sie sich ernähren sollte. Sie hatte zwar ein paar Ersparnisse, aber die würden nicht lange reichen. Das Leben schien nicht mehr lebenswert. Ihre Angst lähmte sie, dass sie nicht im Stande war irgendetwas zu tun. Als ihr das bewusst wurde, erschrak sie sehr. Das war nicht mehr sie, die lebensfrohe Rosalie! Sie wollte aus dieser Lähmung heraus, nur wusste sie nicht wie.
Da hörte sie von einem Zauberer, der im Nachbarort leben sollte. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde den Zauberer um Hilfe bitten. Am nächsten Tag machte sie sich in aller Frühe auf den Weg. Sie musste einige Stunden laufen. Zur Mittagszeit erreichte sie endlich das Haus des Zauberers. Er saß auf einer Bank neben dem Eingang und erwartete sie bereits. Er war sehr groß und hager mit grauen Haaren und einem Gesicht, in welches das Leben seine Zeilen geschrieben hatte. Als Rosalie ihn begrüßte und sich vorstellte, wurden seine Gesichtszüge ganz weich und seine Augen leuchteten wie Aquamarine. Sie wollte ihm erzählen warum sie zu ihm gekommen war, doch er wusste bereits alles, denn er war ja ein Zauberer. Er nahm Rosalies Hand und führte sie einen Weg zwischen hohen Sträuchern hindurch. An einer Biegung wurde der Weg so schmal, dass sie hinter ihm gehen musste. Nachdem sie einige Zeit unterwegs waren, trat der Zauberer bei Seite, und vor ihnen tat sich eine Lichtung auf. Eine Wiese, so groß wie ein Marktplatz, war mit bunten Blumen übersät. Im Sonnenlicht tanzten Schmetterlinge und Libellen. An einer Wasserstelle lagen Rehe mit großen, schwarzen Knopfaugen und eine Hasenfamilie spielte ausgelassen vor ihrem Bau. In der Mitte der Lichtung stand ein riesiger Baum in dem die verschiedensten Vögel wohnten. Alles strahlte Frieden und Lebensfreude aus. Der Zauberer nahm Rosalie wieder an der Hand und führte sie zum Baum: „Liebe Rosalie, dies ist ein besonderer Baum. In seinen Wurzeln ist alles Wissen des Lebens gespeichert. Lege dich unter seine Krone und schließe die Augen.“ Rosalie fand den Gedanken, unter diesem großen, starken Baum zu liegen, sehr angenehm und suchte sich eine von Moos gepolsterte Stelle aus. Hier lag sie wie in einem weichen Bett und als sie die Augen geschlossen hatte, verlor ihr Körper jegliche Schwere. Auch ihre bedrückenden Gedanken verloren an Gewicht und schwebten auf einem Lichtstrahl davon. Bald konnte sie nicht mehr unterscheiden, ob sie wachte oder träumte. Sie sah sich in ihrem Garten stehen und überall brachen frischgrüne Keime durch die Erde. Sie konnte zuschauen, wie es um sie herum grünte und zu blühen begann. Sie lief durch ihren Garten und überall reckten sich ihr Blütenkelche entgegen und verzauberten sie mit ihrem Duft. Schmetterlinge gaukelten vor ihrer Nase herum und dicke Hummeln flogen von Blüte zu Blüte. Ein Schmetterling setzte sich auf ihre linke Schulter und rüttelte sie sanft: „Rosalie, aufwachen.“ Vorsichtig öffnete sie ihre Augen einen kleinen Spalt und schaute in das freundliche Gesicht des Zauberers. Sie musste eingeschlafen sein. Jedenfalls fühlte sie sich frisch und munter. Und sie empfand eine Kraft in sich, die sie noch nie so wahrgenommen hatte. Rosalie war es wohl unter dem Baum auf der Lichtung, doch Irgendetwas in ihr drängte sie nach Hause. Eine innere Stimme sagte ihr, dass alles gut werden würde. Wieso war sie nur vorher so niedergeschlagen? Sie hatte doch alles, was sie brauchte. Sie war gesund, hatte ihr Häuschen, fruchtbare Erde und alles Andere würde schon werden.
Der Zauberer lächelte und gebot ihr, aufzustehen, die Augen zu schließen und erst wieder zu öffnen, wenn sie Vogelgezwitscher hören würde. Sie tat wie ihr geheißen. Der Zauberer berührte ihre Stirn und sagte: „Der große Geist dieses Baumes sei mit dir. Lebe wohl Rosalie.“ Für einen Moment wurde es ganz ruhig, dann hörte sie Vogelgezwitscher. Sie öffnete die Augen und konnte es kaum glauben. Sie stand in ihrem Garten. Voller Freude nahm Rosalie einen Spaten und fing an umzugraben. Da kamen Wildschweine aus dem nahe gelegenen Wald und halfen ihr die Erde zu lockern. Kaum waren diese fertig, setzte sich ein Schwarm Nebelkrähen auf die Krume und scharrte die Erde der Beete glatt. Rosalie bedankte sich bei den Tieren für die Hilfe und überlegte wo sie nun Sämereien herbekommen könne. Da kamen aus allen Himmelsrichtungen Vögel geflogen. Jeder hatte ein bis zwei Samen im Schnabel, die er in die Erde pickte. Der Wind wollte nicht nachstehen und legte noch einige dazu. Rosalie fühlte sich glücklich und sang ein Dankeslied. Da fiel ein leichter Nieselregen. Die Sonne sendete dazu ihre wärmenden Strahlen in den Garten. Es dauerte nicht lange und zartgrüne Spitzen schauten aus der Erde. Diese wuchsen zu prächtigen Blumen mit Blüten von ungeahnter Schönheit. In der Mitte des Gartens wurde eine Blume höher als die anderen. Bald konnte Rosalie sehen, dass dies keine Blume war. Dort wuchs ein Baum, genau wie auf der Wiese des Zauberers.
Nun sah man Rosalie wieder jeden Tag mit den wundervollsten Blumensträußen auf dem Markt stehen. Und jeder, der Rosalie sah, kaufte einen Strauß, schon wegen ihres Lächelns und natürlich wegen der wunderschönen Blumen. Wer solch einen Strauß trug, fühlte Ruhe und Frieden in sich und nahm diese mit in sein Haus oder zu den Lieben, denen er diesen Strauß schenkte.
Rosalie lebte glücklich und zufrieden bis ihre Zeit vorüber war. Man erzählt, sie hätte sich unter den großen Baum in ihrem Garten gelegt und wäre dann nie mehr gesehen worden. Der Baum aber, trug von da an immer eine Rosenblüte.

Schatten aus Kindheitstagen

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Ich möchte Euch eine kleine Geschichte erzählen:
Es war einmal eine Frau. Ich nenne Sie Marion. Sie traute sich schon in Jugendjahren nicht, sich auf etwas zu freuen, denn wenn es dann nicht eintrat, konnte sie das nur schwer ertragen. Es machte sie sehr traurig.
Ganz schlimm wurde es, als Marion in späteren Jahren Beziehungen mit Männern einging. Es kam vor, dass ihr Freund sich ankündigte, aber dann begründet oder unbegründet nicht erschien. Da sie ihn liebte und vertraute, konnte sie nicht umhin, sich auf ihn zu freuen. Wenn dann dieses, von ihr sehnsüchtig erwartete Treffen aus irgendeinem Grund nicht stattfand, fühlte sie einen großen Schmerz. Sie dachte, dass das in der Liebe eben so sei. Später hatte sie mit einem Partner einen Urlaub geplant. Kurz vorher sagte er ab. Das verursachte einen so starken Schmerz in ihr, dass es sich wie sterben anfühlte. Die Beziehung zerbrach. Es kam noch heftiger. Marion verliebte sich in einen beziehungsunfähigen Mann. Sie konnte diese Liebe weder loslassen noch leben. Er zog sie immer wieder an und stieß sie weg, hielt sie auf Abstand. Diese Liebe ließ sie Situationen erleben, die ihr geradezu lebensbedrohende, seelische Schmerzen bereiteten. Sie konnte das nicht mehr ertragen und suchte nach einer Lösung. Marion erfuhr, dass ihre schlimmen Gefühle nicht von der jeweiligen Situation herrühren, sondern Gefühle eines Erlebnisses in der Kindheit sind, die durch das aktuelle Ereignis wiederbelebt werden. Mit diesem Wissen machte sie sich auf die Suche, fand das Quellereignis und verstand.
Marion war 8 Jahre, als man bei ihrer Mutter Krebs feststellte. Ihre Mutter wurde operiert, erhielt Bestrahlungen. Es ging ihr nicht gut, aber die Ärzte würden sie bestimmt wieder gesund machen. Wenn die Mutter nicht im Krankenhaus war, lag sie im Wohnzimmer auf der Couch und Marions Vater kümmerte sich um sie. Ein Jahr später, in den Sommerferien, verbrachte Marion Zeit auf dem Bauernhof von Familie Franke. Frankes waren Freunde ihrer Eltern. Sie war gerne dort, denn es war interessant die Tiere zu beobachten und es machte Spaß mit den beiden Kindern der Familie zu spielen. Sie hatte viel Schönes erlebt und freute sich darauf, nach 2 Wochen wieder nach Hause zu kommen. Frau Franke fuhr Marion mit dem Auto die 120 km bis zur Wohnung. Auf der Heimfahrt stellte sich Marion vor, wie sie ihrer Mutti von dem großen Obstgarten, den süßen Birnen, der Suche nach frisch gelegten Eiern in der Scheune und all den anderen Erlebnissen berichten würde. Sie freute sich auf das Lächeln ihrer Mutti. Bei der Verabschiedung umarmte Frau Franke Marion lange bis sie ganz vorsichtig sagte: „Marion, wenn du jetzt nach Hause kommst, ist deine Mutti nicht mehr da, aber dein Vati wartet schon auf dich.“ Marion konnte den Sinn der Worte nicht verstehen und lief zum Hauseingang. Ihr Vater kam ihr entgegen. Marion sagte zu ihm: „Ich will zu Mutti!“ Er nahm sie stumm an der Hand und ging mit ihr die Stufen zur Wohnung hinauf. Dort sagte er: „Deine Mutti ist tot.“ Marion rannte ins Wohnzimmer und blieb an der Tür stehen. Die Couch, auf der immer ihre Mutti lag war leer! Marion stand alleine im Zimmer, starrte auf die leere Couch und weinte mit einem Schluchzen, das einem Aufschrei aus tiefstem Inneren gleich kam. Es tat so weh! Ihre Mutti war weg! Sie hatte sich nicht verabschiedet! Ihre Mutti hatte sie alleine gelassen – für immer! Warum hatte ihr keiner etwas gesagt?
Das war es. Diesen unsagbaren Schmerz empfand Marion jedes Mal, wenn ein geliebter Mensch, auf den sie sich freute, sie alleine ließ.
Als sie das erkannte, war es ihr möglich mit derartigen Situationen anders umzugehen. Sie konnte sehen, dass der empfundene große Schmerz nichts mit der aktuellen Situation zu tun hatte, dass er in die Vergangenheit gehörte. Es tat noch weh, aber es stürzte sie nicht mehr in Verzweiflung. Der Schmerz war erträglich und mehr eine Sehnsucht nach dem geliebten Menschen, auf den sie jetzt etwas länger warten musste.