Life keeps rolling on – Das Leben rollt weiter

1-Christiane vor Hügeln

Ich kenne sie schon lange. Ende der 80iger und in den 90igern tanzte sie in meiner Dance Company, dann gingen unsere Lebenswege in unterschiedliche Richtungen. Vor einiger Zeit entdeckte ich sie zufällig bei Facebook. Die Fotos zeigten sie im Rollstuhl sitzend. Was war in der Zwischenzeit passiert? Ich recherchierte und fand Schockierendes, Erstaunliches, Berührendes und Beeindruckendes. Nach einer ersten Kontaktaufnahme verabredeten wir uns auf ein Interview via Skype.
Und hier ist es nun, das Interview mit Christiane Göldner, Geschäftsführerin und Inhaberin von Campo Phoenix auf Lanzarote.

Du hast eine eigene Firma auf Lanzarote. Was ist das für eine Firma?

1-Geschäft Meine Firma heißt Campo Ph0enix mit Sitz in Yaiza, Lanzarote auf den Kanarischen Inseln. Wir bieten geführte Touren mit speziellen Fahrzeugen für Einheimische, für Touristen, für jeden, der Lust hat, sich die Insel auf sportliche und besondere Weise anzuschauen. Unterwegs gibt es außer der Einzigartigkeit der Landschaft, viele Informationen über Historie und Kultur. Weiterhin haben wir Angebote für Menschen mit körperlicher Behinderung. Das sind zum einen Handbikes, die wir vermieten und dann die MiAmigos von Franz Nietlispach, einem 14-fachen Paralympics-Sieger aus der Schweiz. Der MiAmigo ist ein kleines Zuggerät, das sich einfach am Rollstuhl befestigen lässt. Somit können sich Rollstuhlfahrer freier bewegen und mehr unternehmen. Ich bin sehr stolz, dass wir diese Möglichkeit bieten. Weiterhin bringe ich meine Kenntnisse als Grafikdesignerin ein. Ich designe Textilien, passend zu unseren Touren. Diese bieten wir in einer guten Qualität unserer eigenen Fair Trade Marke an.

Wie lange gibt es die Firma schon und hast Du sie mit jemanden zusammen oder alleine gegründet?

Campo Phoenix existiert seit ca. 1 1/2 Jahren. Ich habe das Unternehmen zusammen mit meinem Mann aufgebaut. Alleine wäre das für mich gar nicht möglich gewesen. Er fährt die Touren und ist ein hervorragender Tourenguide und Partner in allen Lebenslagen. Ich arbeite im Hintergrund, mache Kundengespräche, Akquise, Verträge, designe, halte den Laden in Ordnung, etc. – alles was drumherum gebraucht wird, damit das Geschäft läuft.
Irgendwann werden wir sicher auch noch Leute einstellen, aber momentan müssen wir unser junges Unternehmen erst einmal selbst stabilisieren. Ich dachte, dass die Idee leichter umzusetzen wäre, aber wahrscheinlich ist es sogar gut, wenn man anfangs nicht weiß, was da alles auf einen zukommt. Auf jeden Fall lernt man viel, und diese Erfahrungen sind bei anstehenden Entscheidungen sehr wertvoll.

Wie lange bist Du schon mit Deinem Mann zusammen und habt ihr Kinder?

1-schwangerWir sind seit neun Jahren zusammen, aber nicht verheiratet. Ich sage nur „mein Mann“, weil er das ja im Prinzip ist. Wir haben zusammen zwei Kinder, und ich denke, dass es auch ohne Ehering ganz gut funktioniert. Die Kinder sind beide in meiner Rollstuhlzeit geboren. Leute fragen mich oft, wie geht das? Kann man als gelähmte Frau gesunde Kinder bekommen und überhaupt Kinder bekommen? Da kann ich immer nur sagen, es geht, und man kann auch als querschnittsgelähmte Frau guten Sex haben. Das geht auch. Die beiden Jungs kamen ohne Probleme auf die Welt, ohne Einleitung oder sonst was. Darauf bin ich sehr stolz. Die Schwangerschaft mit meinem Jüngsten, war hier auf der Insel schon ein Highlight. Es ist natürlich krass, wenn ‘ne Rollstuhlfahrerin mit ‘nem dicken Bauch durch die Gegend rollert. Dann denken die Leute, was ist denn mit der passiert? Ich bin stolz das ich dass geschafft und zwei gesunde Kinder habe.

Waren die Kinder geplant oder ist es einfach passiert?

Beide Kinder waren nicht geplant aber gewünscht. Ich war mit Christian drei Monate zusammen, da ist der Moritz schon entstanden. Und auch Leo war herzlich willkommen. Mehr Kinder möchte ich aber nicht. Das schaffe ich körperlich nicht nochmal. Ich werde ja leider nicht jünger. Es bleibt einfach zu wenig Zeit für Schlaf. Zwei Jungs reichen.

Wie lange seid Ihr schon auf Lanzarote?

Wir sind vor ca. sechs Jahren hierher gekommen.

Lass uns etwas weiter zurück gehen. Ich kenne Dich ja noch als herumspringendes, junges Mädchen. Jetzt bist Du querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl. Was war passiert?

Das Schicksal hat es gut und schlecht mit mir gemeint. Eigentlich mehr gut als schlecht. Ich bin in Berlin beim Klettern abgestürzt und dabei so ungünstig aufgeprallt, dass die Energie, die sich ja irgendwo entladen musste, das am 10. Brustwirbel tat. Also ich bin im Prinzip gestorben. (Es ist eine Weile ruhig.) Ja, der Tag hat mein Leben verändert. Aber ich sage es mal so, ich habe viel, viel Gutes bekommen. Ich war vorher rastlos, immer auf der Suche, wo meine Aufgabe ist. Dieser Tag hat mir zu denken gegeben – nicht mehr einfach so zu leben. Ich habe meine Wertevorstellungen komplett überdacht und geändert. Oberflächliches hatte da keinen Platz mehr. Du kannst Schätze finden, bei Menschen, bei denen Du das nie erwarten würdest. In jedem steckt irgendwo etwas Gutes.

Wie lange liegt das zurück und wie hast Du das gemeint, Du bist gestorben?

Die Christiane, die es vorher gab, die gab es nicht mehr. Ich habe auch jetzt immer noch das Gefühl, dass ich mit 28 gestorben bin, also ich bin weg. Und auch physisch, mein Herz wollte nicht mehr. Die Ärzte haben mich zurückgeholt. Ich glaube, ich habe zwei Mal die Chance bekommen auf dieser Welt zu bleiben. Mein Zeitempfinden hat sich seit dem geändert, das gibt es eigentlich nicht mehr. Zeit ist mir völlig egal. Mich hat vor ein paar Tagen jemand gefragt, wie alt ich bin. Ich musste eine Weile überlegen. Es ist nicht wichtig. Es spielt keine Rolle. Es ist ein Geschenk, dass man lebt, da ist.

Kannst Du nochmal etwas zu der gestorbenen Christiane sagen?

Na ja, wenn Du gesund bist, kannst Du ganz andere Dinge erleben. Das war eben in dem Moment für mich nicht mehr möglich.  Die Christiane, mit all Ihren Möglichkeiten in einem gesunden Körper, konnte es nicht mehr geben. Wenn Du nicht mehr laufen kannst, bekommst Du jeden Tag Grenzen aufgezeigt. 1-1-Scan0054 Jeden Tag hast Du Barrieren, die Du erst mal begreifen musst. Und Du musst lernen, damit umzugehen. Ich sag mal so, man muss sich halt andere Ziele setzen, anders denken. Das macht man automatisch, wenn man den Willen hat, weiter zu leben. Dann sucht man sich halt andere Möglichkeiten. Ich habe vor dem Unfall immer viel trainiert, viel getanzt. In jungen Jahren habe ich so viel erlebt, dass ich mir dachte, du hattest das alles, das war ein Geschenk und das war gut so. Natürlich fehlt mir das teilweise. Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, dass es nicht so ist. Aber es ist so, dass ich weiß, ich war da. Ich habe getanzt und auf der Bühne gestanden, und ich habe selbst andere Menschen trainiert. Das war ein großer Teil meines Lebens. Die Zeit, die ich hatte, war toll, das war in Ordnung. Jetzt geht es weiter mit einer neuen Aufgabe, Punkt. Wenn ich mein Herzblut würde austropfen lassen, das wäre nicht gut, das macht depressiv. Die Zeit mit Tanz und Sport hat mich so geprägt, dass ich mir dachte, es geht weiter – auf eine andere Art und Weise. Auch im Krankenhaus gab es viele Anreize, viele Leute, die ich kennenlernte, die mir Kraft und Mut gaben. Es gibt so viel anderes, das du machen kannst. Und im Endeffekt war ich dann hier in Yaiza Trainerin für Yoga-Pilates im Rollstuhl.

Du hattest vorhin gesagt, dass Dein Herz nicht mehr wollte, dass man Dich zurückgeholt hat. Wie lange hat es gedauert, bis Du wieder leben wolltest? Wie konntest Du Dich mit der Situation engagieren?

Ich glaube, so eine Phase, nicht mehr zu wollen, die hatte ich gar nicht. Es gab nur einen Tag – als ich nach der OP aufwachte, meine Mutter bei mir war und ich ihr sagte: „Mutti, ich möchte so nicht leben, das bin ich nicht.“ Dann bin ich wieder eingeschlafen. Das war glaube das einzige Mal, dass ich so verzweifelt war.
Einen Rückschlag gab es dann doch noch, nach der Reha. Ich hatte zu viel gemacht und meine Schrauben im Rücken sind gebrochen. Da habe ich das gleiche nochmal durchleben müssen. Ich habe mir gedacht, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch alles sinnlos. Da wollte ich nicht mehr, und am Tag der OP dachte ich, wenn ich jetzt nicht mehr aufwache, ist es ok. Aber ich bin aufgewacht und dann ging’s weiter.
Also ich habe nie aufgegeben, habe mich nie gehen lassen. Es kam auch nie richtig hoch. Ich hatte das Geschehene verdrängt, weil ich wusste, das ist zu viel Schmerz. Wenn der hochkommen würde, könnte ich ihn nicht bewältigen. Also habe ich das verdrängt. Und die Strategie ist manchmal ganz gut. Bis jetzt hat es funktioniert und mich in meinem Leben nur nach vorne gebracht.

Kann es sein, dass Du doch ab und zu ein Stück aus Deiner Verdrängung gegangen bist und etwas aufgearbeitet hast, mit Hilfe Deiner positiven Einstellung zum Leben?

Ja sicher. Ich hatte in der Reha einen guten Physiotherapeuten, der mich mit immer wieder neuen Aufgaben sehr beschäftigt hat, so dass ich mich physisch stabilisiert habe. Du brauchst natürlich lange, lange Zeit um überhaupt zu begreifen, was da passiert ist. Und natürlich gab es auch heimliche Tränen!!! Ich denke, dass das Tanzen, der Sport, Schwimmen, Laufen mein ganzen Leben geprägt und mir viel Kraft gegeben hat. Auch die Situation vor dem Unfall – ich war ja vorher in Russland und habe da ziemliche Extreme erlebt. Du wächst an solchen Aufgaben. Da ich ein Typ bin, der immer nach Lösungen sucht, hat mich diese Einstellung natürlich auch weiter vorangetrieben.

Wie lange liegt der Unfall zurück?

Das sind jetzt 10 Jahre. Ich sitze ja schon sooo lange im Rollstuhl.

Deinen Mann hast Du also erst nach dem Unfall kennengelernt?

Ja, ich lebte zur Zeit des Unfalls in einer WG, in einer Dachgeschosswohnung, also mit ganz vielen Stufen. Die war für mich natürlich nicht mehr erreichbar. Damals schlitterte ich von einer Extremsituation in die nächste. Ich kam aus Russland zurück, wo eine Beziehung kaputt gegangen war und ging erst mal zu meinen Eltern. Nach der gescheiterten Beziehung stand ich vor dem Nichts. Ich hätte in Russland bleiben können, da ich ja einen guten Job hatte, aber ich wollte wieder nach Hause. Russland war für mich allein zu groß. Ich begann Medienwissenschaften zu studieren und zog in die WG. Na und dann passierte mir dieser bekloppte Unfall und ich musste schon wieder von vorne anfangen. Das heißt, vom Krankenhaus aus habe ich mir eine Wohnung gesucht, die einigermaßen zugänglich war. Ich habe das Glück zwei großartige Freundinnen zu haben, die mir während des Krankenhausaufenthalts und der Reha viel Kraft gegeben hatten. Die zwei zogen mit mir zusammen in die Wohnung. Dafür bin ich ihnen auf ewig unglaublich dankbar. Noch vor dem Unfall hatte ich mir einen Hund angeschafft und der hat dann praktisch meinen Mann klar gemacht.

Das möchte ich natürlich genauer wissen!

Ich war gerade auf dem Weg in die Druckerei und mein Hund hat ein Häufchen gemacht. Frauchen musste sich um das Häufchen kümmern und Hündchen ist abgehauen zu einer Gruppe Männer. Christian hat mit ihm gespielt und dann kamen wir miteinander ins Gespräch. Zum Schluss fragte mich Christian, ob ich denn jemanden hätte, der auf mich aufpasst. Ich meinte dann ganz emanzipiert, wie Frau ist, brauch ich nicht, natürlich nicht.. Wir haben uns trotzdem verabredet. 1-Christiane Göldner, Christian Kottwitz

Charli, also mein Hund, war an dem Tag völlig überdreht und zog mich zwei Mal fast aus dem Rollstuhl. Christian war immer genau in dem Moment da und hat mich gerettet. Also er war so was wie der weiße Ritter. Ja und irgendwie hat’s gepasst. Wir haben uns mächtig verliebt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Selbstwertgefühl, das ist ein wichtiges Thema. Man verliert natürlich ‘ne ganze Menge. Wenn Du aus einer Welt kommst, die schönheitsorientiert ist – ich habe mich ja selbst darin bewegt, Sport gemacht und so, wie ‘ne Bekloppte – und dann gehörste plötzlich nicht mehr darein. Was machste da? Da braucht man erst einmal eine Weile um sein Selbstwertgefühl gerade zu rücken und es stellt sich die Frage, was ist schön? Ich war froh, dass Christian keinen großen Wert auf ‘nen wackelnden Hintern gelegt hat. Er hat mich so gesehen, wie ich bin. Er sagte auch, dass er den Rollstuhl gar nicht wahrnahm, als er mich das erste Mal sah. Er sah mich. Was auch ganz spannend ist, Frauen denken, dass man als Frau im Rollstuhl keine Konkurrenz ist, für eine Frau, die läuft. Aber das ist ein oberflächliches Denken. Im Endeffekt strahlt es von innen und es muss natürlich passen. Wenn es Liebe ist, stört auch ein Rollstuhl nicht.

Wie bewegst Du Dich auf der Insel?

Ich hasse es mit dem Bus unterwegs sein zu müssen. Für mich gibt es nur das Auto und damit bin ich komplett selbständig. So bringe ich auch die Kinder zur Schule und hole sie ab. Gott sei dank bin ich noch so stark, dass ich den Rollstuhl selbst ins Auto stellen kann. Es dauert eben alles länger. Du musst für alles, was du machst mehr Zeit einplanen. Das bringt aber auch an gewissen Punkten Ruhe rein. Wenn es nicht anders geht, komme ich eben mal fünf Minuten zu spät. Das ist nicht weiter schlimm.

Du hast Deine Grenzen anerkannt und Frieden damit gemacht?

Ja und Nein. Du musst Kompromisse mit dir selbst finden. Wenn der Körper an gewissen Tagen nicht so will, wie man es gerne hätte, ist man schon frustriert. Aber das darf nie der Fokus werden – Frust! Es ist zum Beispiel so, wenn wir ans Meer fahren, weiß ich, dass ich erst mal nicht an den Strand komme. Da geht Christian alleine mit den Kindern nach Tieren schauen und ich muss warten, aber das ist in Ordnung. Damit habe ich mich arrangiert. Natürlich würde ich auch gerne mal mitlaufen. Das sind halt so Kleinigkeiten. Oder ich meide gewisse Situationen, bei denen meine Jungs in Gefahr kommen und ich dann nicht helfen könnte. Dieses Jahr werde ich das erste Mal alleine mit meinen Kindern fliegen. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Mein Großer hat sehr viel Energie und bei dem Kleinen kündigt sich das jetzt auch schon an. Ja, meine größte Herausforderung sind meine Kinder, aber das ist gut und ich denke jeder anderen Mutter geht es ähnlich.

Hattest Du nach dem Unfall schon alle Funktionen so wie jetzt, oder musstest Du Dir das erst erarbeiten?

Natürlich musst du dir alles erarbeiten. Gut, wenn jetzt was weg ist und nicht mehr wiederkommt, dann ist das so. Ich habe immer die Hoffnung und habe ja auch hart trainiert, aber in dem Sinne kam nichts. Du kannst nur lernen, damit umzugehen und dich selbst zu händeln. Du weißt, wie du die Beine legen musst, wenn du dich in den Rollstuhl setzt oder wie du dich aufrichtest, wenn du vom Bett hochkommen möchtest, wie du ‘ne Hose anziehst, deine Schuhe, die Socken. Das sind Kleinigkeiten, die muss man erst mal lernen. Ich habe Glück, dass mir das jetzt passiert ist und nicht erst, wenn ich achtzig bin oder so. Das wäre ein fürchterliches Problem. Da sind diese ganz alltäglichen Geschichten. Wie transportiert man eine Tasse mit heißem Tee, ohne sich zu verbrühen? Worauf muss man achten? Wenn Du keine Sensibilität mehr hast, ist das eine große Verletzungsgefahr, denn du merkst nicht, wenn du dich irgendwo stößt, schneidest oder verbrennst. Also der Körper ist schon fantastisch, ein Wunder. Mein Körper spricht mit mir. Ich muss nur genau hinhören. Zum Beispiel, wenn ich mich irgendwo gestoßen habe, reagiert der Körper, indem er anfängt zu krampfen. Das ist nicht schön. Du musst lernen, damit umzugehen. 1-Christiane im Rollstuhl Direkt nach dem Unfall war mein Körper in einer Starre. Die ersten sechs bis sieben Wochen passierte gar nichts, keine Reaktion, nichts. Und dann irgendwann fing es an. Die Füße begannen auf Berührung zu reagieren. Es gab wieder einen Muskeltonus. Plötzlich wippte ein Bein durch die Gegend und ich hatte den Gedanken, um Gottes Willen, was kommt jetzt noch? Das erste Mal, als das passierte, bekam ich einen Schreck und dachte, jetzt sitzt du schon im Rollstuhl und nun bekommst du auch noch ‘nen Tattrich. Das Schlimmste ist nicht mal, dass du nicht mehr laufen kannst, sondern der Verlust der Sensibilität, dass du nicht mehr normal auf Toilette gehen kannst, alles was sonst so ganz einfach ist. Die Sexualität ist eingeschränkt, ganz klar. Aber man kann trotzdem guten, ja hammermäßigen Sex haben. Das geht alles. Es geht ja ganz viel über den Kopf, und Frauen haben es da sicher auch einfacher als Männer.

Wie ging das damals für Dich weiter?

Ich bin ja gelernte Grafikdesignerin. Von daher hatte ich enormes Glück, dass ich nicht auf meine Hände gefallen bin oder meinen Kopf. Ich war vorher in Russland und habe in einer großen Agentur als Grafikerin gearbeitet. Als ich wieder zurück kam, begann ich ein Studium der Medienwissenschaften. Dann war der Unfall. Als ich aus der Reha kam, habe ich erst mal weiter studiert. Das war zwar alles nicht so einfach, aber machbar. Dann wurde ich schwanger und bin bis zum 8. Monat mit dickem Bauch und Rollstuhl über das denkmalgeschützte Pflaster vor der Uni geholpert. Als das Kind da war, dachte ich mir, was soll das? Erst hatte ich den Unfall und das Kind braucht auch ca. 1 Jahr meine Zeit und Aufmerksamkeit. Ich mache jetzt einen Cut und höre auf. Nebenbei hatte ich schon immer freiberuflich als Grafikerin gearbeitet und dann eben damit weiter gemacht. Das hat mir auch viel über den Unfall hinweggeholfen. Ich hatte Kunden, die wussten, dass ich gut arbeite – vielleicht wollten sie mir auch nur helfen. Jedenfalls tat mir das gut, weiter im Job zu sein. Danach war der Plan, 3D Animation zu studieren. Ich hatte bereits einen Studienplatz in Berlin, doch je näher der Termin kam, um so mehr Bauchschmerzen bekam ich. Es ging mir dabei nicht um das Studium. Das hätte mir sicher mega viel Spaß bereitet. Das ganze Drumherum machte mir Sorgen. Ich hätte jeden Tag 4 oder 5 Uhr aufstehen müssen. Dann die Fragen, bekomme ich einen Parkplatz, wie komme ich in die Schule rein? Das waren Grenzen, die mir Bauchschmerzen bereiteten. So nahm ich davon Abstand. Und dann sind wir ausgewandert.

Weshalb seid Ihr ausgewandert und warum nach Lanzarote?

Der Grund für die Auswanderung war eigentlich meine Situation im Rollstuhl. Kälte, Nässe, Schnee und Wind in Deutschland zwingen dich zu Hause zu bleiben. In bin ein Typ, der gerne raus geht, in der Natur ist. Und ich wollte das auch meinen Kindern geben. Lanzarote kam uns vom Klima her entgegen. Außerdem hatte ich Kontakt zu jemanden, der Handbikes verkauft. Auf Lanzarote finden regelmäßig Rennen für Menschen mit Behinderung statt und viele trainieren dort regelmäßig für die Paralympics bzw. für die wichtigen Marathons. Die Insel war also bekannt unter Rollstuhlfahrern. Das erschien mir eine gute Ausgangssituation zu sein. Wir sind dann her geflogen, haben uns umgeschaut und in die Insel verliebt. Hier wollten wir es probieren. Es war viel Bürokratie zu erledigen und wir mussten uns durchbeißen. Also wenn man denkt, man wandert aus und die Welt ist rosarot, das funktioniert nicht. Durch meine Zeit in Russland wusste ich das aber schon. Es war so anstrengend, wie alles, das man neu anfängt. Dadurch lernt man aber auch flexibel zu sein. Ohne Christian würde meine Welt natürlich ganz anders aussehen. Ich wäre ein ganzes Stück eingeschränkter. Er gibt mir Sicherheit, auch weil er ganz normal mit mir umgeht.

Wie gehen die Menschen hier mit Dir um?

Ich fühle mich hier auf der Insel und mit meinem Mann nicht behindert. Also die Leute hier gehen komplett anders mit mir um, als die Leute in Deutschland. Hier werde ich ganz normal behandelt, aber vielleicht empfinde ich inzwischen anders, weil mein Selbstbewusstsein mit der Zeit wieder gewachsen ist. In Deutschland stand mal jemand neben mir beim Bäcker und brüllte mich an, weil er wohl dachte, dass ich auch taub sei. Oder ich war mit Moritz beim Kinderarzt, komme raus und da läuft ein älterer Mann am Auto vorbei, schüttelt den Kopf wie verrückt und meint, auch das noch! Der hatte ein Problem damit, dass eine Rollstuhlfarerin ein Kind hat. Hier sind die Leute positiv überrascht, dass eine Rollstuhlfahrerin Kinder hat. Das Miteinander der Menschen ist im allgemeinen sozialer und freundlicher. So sind auch die alten Menschen Teil Ihrer Familien, was man in Deutschland nur noch selten findet.

Würdest Du diesen Schritt, nach Lanzarote auszuwandern noch einmal gehen?

Ja, jeder Zeit. Also ich möchte nicht mehr zurück.

Gibt es irgend etwas in Deinem Leben, dass Du jetzt anders machen würdest, wenn das möglich wäre?

Ich würde viele Dinge anders machen, würde bedachter an gewisse Dinge herangehen. Mit Sicherheit würde ich mir drei Mal überlegen, ob ich an diesem Tag zum Klettern gegangen wäre oder nicht – ganz klar. Aber wenn mir jetzt jemand die Frage stellen würde, würdest Du Deine Kinder gegen Dein eigenes Schicksal tauschen, würde ich „nein“ sagen. Letzten Endes sind sie das größere Geschenk. Guck mal, vorher hatte ich keine Familie, vorher hatte ich keinen zuverlässigen Partner. Das wurde mir alles geschickt. Dafür bin ich sehr dankbar, auch wenn ich das manchmal nicht so zeige, weil ich teilweise ganz schön barsch bin. Das liegt aber daran, dass ich irgendwie stark sein muss. Wenn du von dir selbst immer viel forderst, erwartest du das auch manchmal von deinen Mitmenschen.

Was würdest Du gerne mal gefragt werden?

Das kann ich so schnell gar nicht beantworten. Da fällt mir jetzt nichts ein. Aber ich würde gerne noch etwas sagen, das mir am Herzen liegt.
Campo Phoenix ist eine Einstellung zum Leben. Darum haben wir den Slogan „Life keeps rolling on“ gewählt. Das ist ein Sinnbild für unsere Einstellung und somit für unser Unternehmen – etwas, das wir unseren Kunden weitergeben möchten. Ein bisschen mehr Wahrnehmung zu den Dingen hin und zu sich selbst. LIEBE zum Leben, mit den Möglichkeiten die man hat. 524312_487373207956841_771984892_n Und ebenso wollen wir Nähe zu dieser wunderschönen, einzigartigen Landschaft Lanzarotes mit seinen Vulkanen schaffen. Die Menschen in Staunen und Begeisterung versetzen für die Andersartigkeit dieser Schönheit. Nähe schaffen wo vorher keine war.

Hier geht es zur Internetseite von Campo Phoenix.

 

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