Hähle über Entscheidungen, Existenzangst und Sendepausen

Andreas Hähle 1

 

Ein Interview mit dem Texter und Autor Andreas Hähle

Er ist ein Kind der DDR, schloss eine Lehre als Facharbeiter für Maschinensatztechnik ab, übte den Beruf aber nur kurz aus. Eine permanente Sehnenscheidenentzündung zwang ihn zur Aufgabe. Danach war er Requisiteur am Theater, künstlerischer Leiter einer Theatergruppe, Redakteur, Moderator, Kolumnist, Produzent und Hörbuchsprecher. Er wäre gerne Schauspieler geworden, doch die Wiedervereinigung Deutschlands kam dazwischen.
Neben unzähligen Liedtexten für verschiedene Interpreten und Bands gibt es von Ihm die Veröffentlichungen „Karriere der Narren“, sowie „… und schuld an allem ist das Leben, die Sau!“ (Prosa und Gedichte)

Wann hast du angefangen Texte zu schreiben und was hat dich dazu gebracht?

Wir mussten das machen. Das war glaube in der dritten oder vierten Klasse. So genau weiß ich das nicht mehr. Es gab in der Unterrichtsstunde ein bestimmtes Thema und jeder sollte ein Gedicht dazu schreiben. Da habe ich ein Lob vom Lehrer bekommen. Das war schon mal schön. Zum anderen hat mir das Spaß gemacht, d.h. ich habe weiter gemacht und dann nicht mehr aufgehört zu schreiben.
Etwas später holte ich mir ein Buch von Heinz Kahlau* aus der Bibliothek. Ich wollte wissen, wie man Gedichte schreibt. Das habe ich gelesen und mir alles angeeignet, also richtig gelernt.

Welche Rolle spielte der Liedermacher und Texter, Kurt Demmler** in Deinem Leben?

An Kurt Demmler hatte ich noch während meiner Schulzeit eine Postkarte geschickt: „Herr Demmler, ich soll hier Liedtexte schreiben. Können sie mir nicht helfen?“ Überraschender Weise kam relativ schnell eine Postkarte zurück – mit seiner Telefonnummer und der Angabe von Zeiten, zu denen er telefonisch zu erreichen war. Ich habe ihn dann angerufen und bekam eine Einladung zu ihm nach Hause. Wir haben tatsächlich angefangen zu lernen. Er brachte mir texten bei und bis zu seiner Verhaftung, trafen wir uns öfters. Er schaute meine Gedichte an und gefragt: „Wie stellst du dir das als Liedtext vor?“ Dann zeigte er mir, wie man das umbauen kann. Eines Tages brachte er mich mit dem Manager Hartmut Lorenz zusammen. Er sagte ihm: „Ich kenne tausend Leute, die älter sind als der Andreas und meinen, dass sie Texte schreiben. Er kann das. Wenn er 30 ist, wird er ein ganz großartiger Texter sein. Ich bin mir sicher.“

Du hattest anfangs also nur aus Spaß geschrieben. War da nicht schon ein Gedanke, dass daraus ein Beruf werden könnte?

Überhaupt nicht. Das habe ich nur so für mich gemacht. Ich hatte ganz andere Pläne mit mir.

Welche?

Ich wollte immer Schauspieler werden, selbst als ich schon Texte schrieb und Hits dabei waren. Ich habe es dann aber doch nicht gemacht.

Warum? Was war passiert?

Die Wiedervereinigung kam dazwischen. Ich hatte die Rostocker Schauspielschule im Fokus. Die wollten mich aber nicht nehmen. Irgendwann wurde die Schule dann auch geschlossen und die Studenten alle aufgeteilt. Es ging damals so viel den Bach hinunter. Das war so: Dadurch, dass ich als Requisiteur am Theater tätig war, hatte ich guten Kontakt zu Schauspielern. Ich habe mit ihnen geübt, mich gut vorbereitet. Das Vorsprechen war dann auch erfolgreich, aber der Direktor der Schauspielschule sagte: „Du studierst hier nicht, auch nicht wo anders. Sie zu, dass du irgendwo zwei Jahre spielst und dann bekommst du deinen Berufsausweis auch so. Alles andere ist Quatsch.“ Dann kam aber die Wiedervereinigung, und alles wurde durcheinander gewirbelt. Im Theater in Anklam wäre ich untergekommen, aber da hatte ich bereits die Chance Radio und andere Sachen zu machen, z.B. eine eigene Comedy-Sendung. Da habe ich natürlich zugegriffen.

Andreas Hähle 2Du hast sehr viel Verschiedenes getan. Was davon liegt dir am meisten am Herzen?

Das ist tatsächlich die Schreiberei. Songtexte liegen mir sehr nahe. Wenn ich mal mehr Zeit habe will ich Prosa, Romane schreiben. Das interessiert mich auch, aber im Moment stehen die Songtexte im Vordergrund. Noch kommen junge Künstler zu mir und haben keine Schwierigkeit mit meiner Sprache. Es gibt sehr viele Anfragen und ich bin jeden Tag mit Texte schreiben beschäftigt.
Mit den Auftritten ist das so, dass ich eine Zeit lang sehr viele hatte – Kabarett und so. Ich habe das auch erst nur aus Lust an der Freude gemacht, für Freunde. Das sprach sich herum und wurde mehr. Dann wollten immer mehr Leute mit mir zusammen arbeiten. Aber das Wichtigste war und ist die Texterei. Von ihr geht alles aus und in ihr findet sich wahrscheinlich alles wieder.

Du hattest vor 3 Jahren einen Schwächeanfall, bist zusammengebrochen. Deine Ärztin empfahl dir dringend, eine Entscheidung zu treffen – zwischen Schreiben und Nebenjob.
Wie hast du das damals wahrgenommen und wie siehst du heute darauf?

Heute sehe ich das viel gelassener als damals. Es war so, dass ich nicht mehr schlafen konnte, obwohl ich todmüde war. So ging das über Wochen. Vielleicht habe ich mal eine oder eine halbe Stunde geschlafen. Das lag daran, dass ich mir vorgenommen hatte, morgens 8 Uhr aufzustehen und mich an meine Textarbeiten zu setzen. Manchmal bin ich auch 4 Uhr aufgestanden und zu Auftritten in Kindergärten gefahren, um etwas Geld zu verdienen. Danach habe ich bei Forsa gearbeitet. Ich bin so gegen 15.30 Uhr los, musste dann dort Leute anrufen, für Meinungs- umfragen. Das war anstrengend und ging immer so bis 21 Uhr. Dann bin ich nach Hause gefahren. Während der Telefonate hatte ich einen müden Punkt und habe ihn immer übergangen. Also ich habe das nicht bemerkt, weil ich dort bei dieser Arbeit unter Adrenalin stand. Ich bin dann nach Hause gefahren und konnte nicht mehr schlafen. Irgendwann stand ich auf und war weg, bewusstlos. Das konnte nicht so weiter gehen. Meine Ärztin sagte mir: „Du musst eine Entscheidung treffen, zumindest vom Tagesablauf. Der muss anders werden.“ Durch Zufall hatte ich einen Auftrag bekommen, der mir recht viel Geld einbrachte. Ich konnte davon einen Monat lang leben, ohne einen Nebenjob zu haben. So entschied ich mich, meiner lieben Ärztin gehorchend, einen Monat Pause zu machen.
Von dem Geld wollte ich also einen Monat leben. Aber dadurch, dass ich mich mehr auf das Künstlerische konzentrieren konnte – Auftritte organisieren u.s.w. – verdiente ich so viel, dass ich den nächsten Monat auch wieder leben konnte. Und das ging immer fort und fort und das hat sich bis heute so gehalten.
Allerdings hatte ich Existenzängste. Was würde morgen und übermorgen sein? Morgen hätte ich vielleicht nichts zu essen. Das war schon eine sehr schwere Entscheidung für mich.
Heute weiß ich, es war richtig. Wenn man wirklich in seinem eigenen Fluss ist, dann funktioniert es. Das habe ich erst später begriffen. Vielleicht war es auch der richtige Zeitpunkt.

Was bedeutet das Wort „nein“ für dich – im Zusammenhang mit deiner Arbeit?

„Nein“ fällt mir leicht. Wenn mir etwas nicht behagt, dann mache ich das nicht. Es gibt auch Sachen, von denen ich glaube, dass ich sie nicht kann. Z.B. als die Anfrage von den Söhnen Mannheims kam, am Tresen halt, habe ich sofort gesagt, klar kann ich Texte schreiben, wenn ihr wollt, aber ich schreibe keinen Rap. Also wenn ich weiß, dass kann ich nicht, dann mache ich das auch nicht. Ich habe Anfragen für englische Texte bekommen. Die schreibe ich gerne in Deutsch. Übersetzen müssen sich die Leute das dann selbst. Das funktioniert. Wenn ich ein ganz schlechtes Gefühl habe, dann gibt es auch ein „nein“. Ich hatte mal für RTL gearbeitet und habe nach zwei Wochen einfach gekündigt, obwohl ich dort relativ gut verdiente. Das ging einfach nicht. Ich wusste da auch nicht, wie es mit mir weitergeht, aber das war mir egal. Das war wieder so ein Punkt, wo ich ins Nichts gefallen bin, aber die Arbeit passte mir nicht. Ich habe gemerkt, dass es schlimm ist, was die mit den Menschen anstellen. Ich sollte für Dokumentationen Menschen im Prinzip nackig machen. Genau an diesem Punkt habe ich den Auftrag abgelehnt und gesagt, hier mache ich gar nichts mehr.

Auf deiner Facebookseite schreibst du: „Was uns heutigentags fehlt, ist Sendepause und Sendeschluss.“ Sag doch bitte etwas dazu.

Das halte ich für sehr wichtig. Es fehlt das Prinzip des Feierabends. Man ist immer irgendwie präsent, ist immer jemand, der etwas empfängt. Jemand sendet und man empfängt. Man ist also ständig in einer passiven Kommunikation. Es fehlt oftmals dieses in sich selbst ruhen. Es gibt Menschen, die das können und ich mache das auch. Es hilft einem, mit sich selbst klar zu kommen. Es hilft viel von der Welt zu sehen und sich mit der Welt kommunikativ zu halten. Ob man nun zur Arbeit geht, fernsieht, ins Internet schaut u.s.w., man empfängt ständig Informationen. Uns fehlt einfach mal ein Cut, dass man sagt, so jetzt ist Feierabend. Ich setze mich mit meiner Frau ins Bett, lese ihr was vor und danach schauen wir vielleicht einen Film, den wir selbst aussuchen. Oder wir reden miteinander oder jeder ist für sich. Ich merke es auch an den Kindern. Da ist es noch schlimmer, da sich Kinder viel weniger dagegen wehren können. Die werden mit Reizen überflutet und zugeschüttet, sind hypernervös. Dann gibt es die Diagnose ADHS, wobei ich an dieses Krankheitsbild nicht glaube. Kinder, die sich nicht uniformieren lassen, also einen eigenen Charakter ausbilden, aus der Reihe tanzen, die werden sofort synchronisiert. Kinder sind heutzutage ganz schwer in der Lage, sich auf sich selbst zu konzentriere. Das ist etwas, wo ich sage, dass fällt uns mal, nicht nur menschlich, sondern auch gesellschaftlich auf die Füße. Früher gab es beim Fernsehen einen Sendeschluss oder eine Sendepause, dieses Testbild. Da war eben Feierabend. Heute wird man pausenlos von irgendwas berieselt. In den Kreisen, in denen ich auftrete, da sind so ganz bestimmte Menschenarten. Das klingt jetzt etwas komisch, weil man sortiert. Das sind aber ganz bestimmte Charaktere, die dieses Ausschalten genießen. Die auch zu diesen Veranstaltungen bewusst hingehen und sagen, ich bin jetzt hier dabei und genieße das. Die Leute gehen immer weniger weg, weil sie alles aus dem Fernsehen oder Radio nehmen, was aber oft nicht gut ist. Sie bilden sich durch Einflüsse von Außen, aber diese Einflüsse muss man auch verarbeiten können, mit sich selbst in Beziehung setzen. Dafür sind Sendepausen wichtig.

Was würdest du gerne mal gefragt werden?

Da fällt mir jetzt spontan nichts ein.

Gibt es vielleicht einen Rat von dir, für Menschen, die nicht so richtig wissen, wohin mit sich – die Wünsche und Träume haben, aber sich nicht trauen, diese zu verwirklichen, weil sie dafür vielleicht einen festen Job mit gesichertem Einkommen aufgeben müssten.

Existenzangst ist was Schlimmes. Das darf man nicht unterschätzen. Und das ist auch gesellschaftlich suggeriert. Harz IV Empfänger, die sind schon wie Leprakranke oder Aussätzige. Wenn du keine Arbeit hast oder nicht genug Geld verdienst, bist du nichts wert.
Wenn man ins alte Römische Reich schaut, gab es immer zwischen 1 und 8 % der Bevölkerung, die nichts gemacht haben. Die entweder nicht befähigt waren oder keinen Bock hatten. Und vom alten Römischen Reich an hat man die immer mit durchgefüttert. Selbst in der DDR gab es solche Leute. Die haben 7 Mark pro Tag bekommen. Das war nicht offiziell. Man hat das verheimlicht, weil das ja nicht zum Bild einer sozialistischen Persönlichkeit passte. Die DDR bestand aber nur aus sozialistischen Persönlichkeiten. (lacht) Aber das gab es natürlich auch. Jede Gesellschaft hat das also in Kauf genommen. Dieses Inkaufnehmen wurde zum einen negiert und zum anderen wurde über Menschen, die durch die marktwirtschaftlichen Verhältnisse arbeitslos wurden, gleich der Stab gebrochen. Das macht den Leuten natürlich wahnsinnige Angst. Wer will schon Lepra bekommen!
Was ich raten würde? Man sollte sich einfach mal hinsetzen. Da haben wir wieder dieses Sendepausenprinzip. Man sollte sich ruhig hinsetzen und fragen, wer bin ich? Was will ich? Das kann ja bis ins Private gehen. Z.B. Habe ich den richtigen Partner? Wie möchte ich mich sehen, wenn ich eines Tages gehe? Was ist wichtiger, wie die anderen mich sehen oder wie ich mich sehe? Ist es wichtig, was für ein Auto ich habe oder ist es irgendwann der Punkt, dass die Menschen sagen, der hat für sich echt was erreicht in diesem Leben. Und mit diesem „für sich“, heißt das nicht, der hat das und das angeschafft, sondern das ist ein Mensch, zu dem man aufschauen kann. Der hat sich klug gemacht, im Laufe des Lebens. Das kann ein Arbeitgeber sein, ein Arbeitnehmer aber das kann auch jemand sein, der einfach mal ausbricht. Diese Intension, auszubrechen, die kann man ruhig mal versuchen. Man sollte das aber nur machen, wenn man ein Ziel hat.
In meine Texte schreibe ich ja oft Messages rein. Allerdings werden die meist von Leuten konsumiert, die das sowieso schon wissen. Aber das ist nicht so schlimm. (lacht)
Man sollte versuchen, sich selbst zu finden. Komme ich mit mir klar? Wenn ja – warum? Wenn nein – warum nicht? Alles andere ergibt sich dann aus diesen Fragen und den Antworten darauf. Sich zu hinterfragen ist ganz wichtig. Das fehlt den Leuten oft. Die wollen immer Erfolge verkaufen und wie toll sie sind. Ich passe da bei mir auf. Sicher freue ich mich über Schönes, über Erfolge, aber ich schaue, dass ich nicht abhebe. Wenn man auch mal an sich zweifelt, dass ist eher ein Nährboden für Entwicklung.

 

Internetseite von Andreas Hähle

*Heinz Kahlau (1931 – 1012), war ein deutscher Lyriker, Meisterschüler von Bertolt Brecht.

**Kurt Demmler (1943 – 2009), war in den 70er und 80er Jahren einer der erfolgreichsten Songtexter der DDR. Er schrieb für fast alle bekannten Musiker und Bands, auch für westdeutsche und ausländische Interpreten. Mehr als 10.000 Liedtexte stammen von ihm, so auch „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen.